Der Spiegel schreibt zu Beginn eines Beitrags:
Alle vier noch lebenden Vorgänger des zurückgetretenen Bundespräsidenten Christian Wulff wollen am kommenden Donnerstagabend offenbar nicht beim Großen Zapfenstreich erscheinen.
»Alle wollen nicht!« – Warum du nicht gegen die Logik deiner Wörter schreiben solltst
Das sieht zunächst einmal nach einer unauffälligen Aussage aus, ähnlich wie hier:
Überall sahen die Experten keinen Handlungsbedarf.
Wenn Wörter ihrer Bedeutung beraubt werden
Sprache hat Signalwirkung. Jedes Wort, das ich lese, lenkt mein Bewusstsein auf ein Ziel: auf die Aussage des Satzes hin zu dem, was der Autor mitteilen möchte. Für positive Begriffe gibt es genauso Wörter wie für negative, einschränkende. Als Autor muss ich mir immer die Frage stellen:
»Was will ich dem Leser sagen?«
… und sie unausweichlich korrekt beantworten. Nur ich, der Autor, bin verantwortlich fürs korrekte, leichte Verstehen – niemals der Leser!
Semantische Konsistenz: Wie Verneinungen unsere Leselogik sabotieren
Wenn es etwas Positives ist (positiv nicht unbedingt im Sinne von »gut«), muss ich »positiv« schreiben. In den obigen Beispielen irren die Autoren.
- Alle umfasst und signalisiert eine wohlwollende Bedeutung: »Alle Kinder wurden satt.«
- Überall sagt mir: an jedem Ort, ohne Ausnahme.
In beiden Beispielen aber folgt die Kehrtwende auf dem Fuß:
- Alle … wollen nicht
- Überall sahen sie keinen …
Das irritiert zutiefst. Verneinungen sind per se schwerer verständlich; der Autor hat versagt, wenn ihnen ein gegenläufiges Wort vorausgeht. Zumal es wunderbare Wörter gibt, mit denen die behäbige Konstruktion leichter hätte umgangen werden können:
Keiner der vier noch lebenden Vorgänger …
Nirgendwo sahen die Experten Handlungsbedarf.
Stilistisch unsauber, kommunikativ problematisch
Wörter wie »alle« oder »überall« aktivieren in uns ein klares Bild: umfassend, einheitlich, durchgängig. Wenn auf diese Erwartung eine Verneinung folgt, kommt es zu einem semantischen Bruch. Das führt zu innerer Irritation, ein unbewusstes »Moment mal, was genau soll das jetzt heißen?« stellt sich ein.
Die Aussage wird nicht verstärkt, sondern verwässert.
Verneinung in Sätzen: Überraschung vs. Führen beim Lesen

Das ist keine Kleinigkeit. Gute Sprache wirkt, weil sie führt, nicht weil sie überrascht. Überraschung ist ein rhetorisches Stilmittel, kein Grundmodus verständlicher Sprache. (Es gibt Ausnahmen von der Regel: Genau mit diesen falschen Fährten brillieren Kabarettisten wie Josef Hader oder Lisa Eckhart.)
Schreiben dient der Information, ich teile etwas mit, egal, ob in Form des Journalismus, als Sachtext oder in literarischer Prosa. Unter der Prämisse der Information gilt: Stil ist immer auch Verantwortung. Ein präziser Autor fragt sich stets:
Ist mein erster Begriff inhaltlich deckungsgleich mit dem, was folgt? Oder erzeugt er eine Lesererwartung, die ich anschließend torpediere?
Wer dagegen schreibt, verletzt das implizite Vertrauen: dass Sprache einer inneren Ordnung folgt. Einer Ordnung, die sowohl auf der Satzebene als auch auf der Bedeutungsebene Bestand hat.
Ein klarer Stil ist also dringend geboten. Und leicht umzusetzen: mit Alternativen wie »keiner« statt »alle nicht« oder »nirgendwo« statt »überall keinen«.
So einfach – so wirksam.