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Anscheinend vs. scheinbar

Am 1. April 1957 berichtete BBC in der Sendung „Panorama“ über Spaghetti. Spaghetti waren zu jener Zeit außerhalb Italiens weitgehend unbekannt, der Sender würde den Fernsehzuschauern sicherlich Neues mitzuteilen haben.

Und so kam es auch. Spaghetti, erklärte Starmoderator Richard Dimbleby seinen Zuschauern, wüchsen auf Bäumen; jetzt, im April sei Ernte-Zeit. Jahrelange Züchtungsbemühungen seien belohnt worden – endlich gebe es gleichlange Spaghetti, frohlockte Dimbleby. Der Journalist besaß einen ausgezeichneten Ruf, sein Beitrag erweckte bei den Zuschauern den Anschein von Korrektheit. Worüber Dimbleby berichtete, musste stimmen.

Nach der Ausstrahlung riefen die Zuschauer beim Sender an und baten um Bezugsquellen für den Spaghetti-Baum. Doch die konnte ihnen der Sender nicht nennen, denn der Beitrag entsprach nur scheinbar der Wahrheit: Dimbleby hatte seine Zuschauer in den April geschickt.

Anscheinend vs. scheinbar

Vom Tatsächlichen und dem Als-ob

Beim April-Scherz der BBC wird deutlich, worin sich der Anschein (inklusive anscheinend) und das Wörtchen scheinbar unterscheiden: Der Anschein beschreibt, was wir sehen. „Es hat den Anschein, dass (als ob) …“, sagen wir und ergänzen: „die Suppe versalzen ist“ (weil der Gast das Gesicht verzieht); „der Bub vom Regen überrascht wurde“ (weil er patschnass im Flur steht); „Vettel erneut Formel-1-Sieger wird“ (weil der Rennfahrer alle anderen hinter sich lässt).

Wir sehen etwas und schlussfolgern. Ob dieser Anschein einer Wahrheit entspricht, können wir hingegen nicht beurteilen.

Scheinbar dagegen macht klar: Hier handelt es sich um einen falschen Eindruck: Der Gast spielt uns etwas vor, der vor Nässe schlotternde Junge ist in den Bach gefallen und nicht, wie er behauptet hat, in den Regen geraten, und Vettel schließlich rast zwar allen davon, aber die für einen Sieg notwendigen Punkte wird er trotzdem nicht mehr erreichen.

Anschein besitzt zwei Bedeutungen: die wahre und die gelogene. Welche zutrifft, kann der Anschein nicht klären. Selbst wenn jemand allem Anschein nach krank ist, weil er hustet, weil die Nase läuft, die Augen geschwollen sind, wissen wir nicht, ob er vielleicht nur simuliert und nur scheinbar krank ist.

Scheinbar vs. anscheinend
Vom Behaupteten und vom Glaubhaften

Und somit greift die Definition Wolf Schneiders zu kurz: „Wer anscheinend und scheinbar nicht auseinanderhalten kann, vermag nicht mehr zu trennen, ob einer dem glaubhaften Anschein nach oder nur scheinbar krank ist.“ Das die Definition vernichtende Wörtchen lautet „glaubhaft“.

Trifft der Anschein zu, ist also richtig, was uns der Anblick zeigt, dann kann ich nicht mehr scheinbar sagen. Denn wenn wahr ist, was der Anschein vermittelt, dann ist die Sache, wie sie ist – und nicht bloß scheinbar.

Solange aber noch nicht geklärt ist, ob der Anschein zutrifft, solange wir noch nicht wissen, ob wahr ist, was wir sehen, dürfen wir nicht scheinbar sagen.

Wer angesichts eines verzogenen Mundes sagt: „Die Suppe ist scheinbar versalzen“, stellt eine Behauptung auf: Wer das sagt, behauptet zu wissen, dass die Suppe eben nicht versalzen ist. Deutlich wird das, wenn der Satz erweitert wird: „Die Suppe ist nur scheinbar versalzen.“ Im Angesicht eines verzogenen Mundes lautet die einzig korrekte Aussage: „Die Suppe ist allem Anschein nach versalzen.“ Weiß man aber, dass die Suppe nicht versalzen ist, kann man beruhigen: „Esst ruhig weiter Leute – dieser Gast tut nur so, als sei die Suppe versalzen. Die Suppe ist einwandfrei.“

Vorher wissen wir es nicht. Wir können nicht vorher sagen „scheinbar“. Denn ob etwas scheinbar so war, wie es den Anschein hatte, erfahren wir erst im Nachhinein, wenn wir wissen, wie es sich wirklich verhielt. Wenn wir vom letzten Restaurantbesuch berichten: „Stell’ dir vor, da aß einer seine Suppe und hat das Gesicht verzogen. Es hatte ganz den Anschein, als ob die Suppe versalzen ist. Später haben wir erfahren: Die Suppe war vollkommen in Ordnung! Sie war nur scheinbar versalzen!“

Allem Anschein nach lässt in der Schwebe. Den Spaghetti-Baum gab es wirklich, solange die Sendung lief. Allem Anschein nach existierte eine Pflanze Spagehtti-Baum. Erst nachdem die Zuschauer erfahren hatten, es gibt ihn nicht, war klar: Die Sendung hatte nur scheinbar wahrheitsgetreu berichtet.

Mehr Zweifelsfälle

In meinem Blog findest du noch mehr Beispiele zu Wörtern, die gerne verwechselt werden.

Mehr aus meiner Rubrik Was gerne einmal falsch gemacht wird.

Viel Spaß – allem Anschein nach steht uns eine frühlingshafte Zeit bevor!

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