Bücherverbrennung oder Die Feigheit vor den Banausen

Inhaltsverzeichnis

Wie’s einst war …

Heute ist der 22. August 2022. Vor 89 Jahren, es war ein Abend im Mai, sanken die Temperaturen. Auf Berlins Straßen entfachten mitfühlende Studenten ein lustig Feuerlein, damit den Menschen, den Kaltherzigen, warm werde ums Herz in jenen frostigen Tagen.

In der Menge fror Erich Kästner. NS und Studenten ließen seinen »Fabian« in Flammen aufgehen, die »Drei Männer im Schnee« und »Pünktchen und Anton«.

»Es war widerlich«, schreibt er im Vorwort zu »Bei Durchsicht meiner Bücher«.

Und auch dies hat er dort notiert: »Ich (…) sah unsere Bücher in die zuckenden Flammen fliegen und hörte die schmalzigen Tiraden des kleinen abgefeimten Lügners. Begräbniswetter hing über der Stadt. Der Kopf einer zerschlagenen Büste Magnus Hirschfelds stak auf einer langen Stange, die (…) hin und her schwankte.«

Und dann schrieb er, zum Niemals-Vergessen: »Es war widerlich.«

… wird’s nie wieder sein?

Heute ist der 22. August 2022. 

Heute geht die Kunde von zwei Büchern, die der Verlag Ravensburger nun doch nicht veröffentlichen wird: Die Flammen wohlfeiler Empörung hatten gezüngelt, noch bevor die Werke dort angekommen waren, wo Bücher hingehören: bei ihren Lesern. 

Kneifzangige Gouvernanten, sauertöpfische Antimenschen verbrennen Gedanken im digitalen Feuer. Die Meute geifert, während sie Schutzpflicht vorgibt und Sorge um die Gefühle all derer, die anders sind in Frisur, Hautfarbe, Religion und Identität. 

Sie alle, die Gouvernanten und die Reinheitsfanatiker, müssen, denke ich mir, unter großem Druck stehen oder Desorientierung. Wer wirklich frei atmet, gönnt dem anderen sein Abendbrot und fragt, ob er vielleicht mal kosten darf – für den Aha-Effekt und zur Erweiterung von Horizont, Geschmack und Gelassenheit.

Zivilcourage schmeckt sauer

Zivilcourage ist nun mal anstrengend – wer sie lebt, schmeckt Zitronen im Mund.

Hier aber, im Falle Ravensburger, ist nichts anstrengend, hier geifert die billige Zustimmung. Der Mensch zieht die Füße hoch und lässt sich (gequetscht zwischen Angsthasen wie ihm) von der marschierenden Masse tragen. Umnachtet und sediert von der Armut seines Geistes, merkt er nicht, wie ihm die Luft schwindet. 

Artenvielfalt schrumpft nicht nur im Biotop unseres Planeten; sie leidet unter der Verkalkung der Hirne und Seelen.

Das wollen wir tun

Deshalb, und weil’s Spaß macht, lasst uns böse sein. Lasst uns schmutzige Worte formen und lästerliche Gedanken. Lasst uns liederliche Zoten schmieden und derbe Silben finden für klare Gedanken. Lasst uns die Köpfe heben und jedem seine Sterblichkeit ins Gesicht lachen, der unbedingt glaubt, er müsse bedeutsam tun.

Credits

Das Titelbild hat Devin Avery via unsplash.com zur Verfügung gestellt. Herzlichen Dank dafür, Devin!

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