Innerer und äußerer Konflikt einer Figur. Dramaturgische Grundlagen für packende Figurenentwicklung

Jede Geschichte ist spannend, sonst ist sie keine Geschichte. Sie kann im komödiantischen Gewand daherkommen, die Geschichte, sie mag als Tragödie auftreten oder als kindische Groteske, immer aber ist Spannung das tragende Element: Jemand will was, jemand anderer will das nicht.

Ganz einfach, nicht wahr?

Grundlagen eines Konflikts. Die Zutaten

Damit eine Geschichte spannend wird (was nichts anderes heißt als »damit sie deinen Lesern gefällt«), brauchst du ein paar Zutaten.

Die Zutaten leiten sich ab aus der Grundannahme: »Einer will was, der andere nicht.« Der eine, das ist meist der »Held«, der Protagonist, der Hauptdarsteller; der andere ist der Gegenspieler, der Antagonist. 

  • Luke Skywalker vs. Darth Vader (George Lucas, Star Wars) Der hoffnungsvolle Jedi-Anwärter gegen den gefallenen Sith-Lord und Vater. Licht gegen Dunkelheit, Erlösung gegen Verdammnis – ein mythologischer Kampf zwischen Gut und Böse.
  • Sherlock Holmes gegen Professor Moriarty (von Arthur Conan Doyle) Das geniale Detektivgenie gegen den »Napoleon des Verbrechens«. Intellektuelle Brillanz im Dienst des Guten gegen ebensolche Brillanz im Dienst des Bösen – der perfekte Antagonist als dunkles Spiegelbild des Helden.
  • Elizabeth Bennet gegen Lady Catherine de Bourgh (von Jane Austen, Stolz und Vorurteil) Die selbstbewusste, gesellschaftlich niederrangige Elizabeth gegen die aristokratische, standesbewusste Lady Catherine. Ein Kampf zwischen individueller Selbstbestimmung und rigiden Gesellschaftskonventionen.
  • Dirk Struan gegen Tyler Brock (James Clavell, Tai Pan) Beide Männer waren einst Schiffskameraden, doch Tyler Brock peitschte den jungen Dirk Struan als dritter Maat erbarmungslos aus. Hier siehst du die dramaturgische Meisterschaft Clavells: Der Antagonist (Brock) ist kein fremdes Übel, sondern entspringt der eigenen Vergangenheit des Protagonisten. Tyler Brock verkörpert Struans dunkle Spiegelung – beide Männer aus einfachen Verhältnissen, beide zu Macht aufgestiegen, doch getrennt durch eine Kluft aus Demütigung und Rachegelüsten.
  • Faust und Mephistoteles (Johann Wolfgang von Goethe, Faust)

Der innere Konflikt

Auch wenn es hier so aussehen mag: Geschichten leben nicht nur vom unmittelbaren Duell der beiden wichtigsten Figuren. Ein Gefecht, eine Konfrontation auf der Ebene der Handlung allein mag noch so sehr Krawall produzieren und hypertone Zustände, letzten Endes versandet so eine Geschichte an der Oberfläche – viele, viel zu viele Filme mit dem Genretitel Action belegen das.

Eine wirklich packende Geschichte profitiert in hohem Maße von dem, was sich innerhalb der Figur befindet, abspielt, entwickelt. Der innere Konflikt ist der andere Motor der Geschichte.

Wo der innere Konflikt stattfindet
Der innere Konflikt entsteht im psychischen Raum der Figur. Und wenn ich hier etwas umständlich von einem psychischen Raum spreche statt unmittelbar von der Seele der Figur, so will ich damit die umfassendere Zuordnung nutzen. Neben der Seele charakterisieren auch Emotionen eine Figur plus ihre Mentalität plus ihre geistige »Potenz«. In Summe: die geistigen, die psychischen, die moralischen, die mentalen und intellektuellen Muskeln der Figur.

Mit dem inneren Konflikt begeben wir uns in den Kampf zwischen widerstreitenden Impulsen, Werten, Wünschen oder Überzeugungen innerhalb derselben Person. Die Figur ringt mit sich selbst: Soll Hamlet seinen Vater rächen oder nicht? Kann er die moralische Last des Mordes tragen? Diese Zerrissenheit zwischen Pflichtgefühl und ethischen Bedenken tobt ausschließlich in seinem Bewusstsein.

Innerer Konflikt: Wie du das konkret umsetzt

Lass deine Figur in Monologen oder inneren Dialogen ihre widersprüchlichen Gedanken offenlegen. Zeige physische Manifestationen der inneren Unruhe: zitternde Hände, schlaflose Nächte, nervöse Gewohnheiten. Setze Metaphern und Bilder ein, die das innere Chaos spiegeln – Stürme, zerbrochene Spiegel, labyrinthartige Wege.

Und noch etwas: Hüte dich vor Klischee und Kitsch! Nutze möglichst keine Stürme, keine zerbrochenen Spiegel und schon gar keine labyrinthartigen Wege. Bitte, bitte.

Äußerer Konflikt. Wenn die Welt gegen die Figur kämpft

Der äußere Konflikt »äußert« (sic!) und manifestiert sich zwischen der Figur und externen Kräften:

  • andere Personen
  • gesellschaftliche Normen
  • Naturgewalten
  • das Schicksal.

Romeo und Julia kämpfen gegen die verfeindeten Familien, nicht gegen ihre eigenen Zweifel an der Liebe. Die Hindernisse dagegen sind greifbar und von außen oktroyiert.

Äußerer Konflikt: Wie du das konkret gestaltest

  • Erschaffe Antagonisten mit sehr konkreten, eigenen Motivationen
  • Etabliere gesellschaftliche Regeln oder physische Barrieren, gegen die deine Figur anrennt
  • Nutze Dialoge voller Spannung, in denen die Konfrontation direkt ausgefochten wird
  • Zeige die Folgen des äußeren Widerstands durch sichtbare Konsequenzen: Verlust von Status, körperliche Verletzungen, zerbrochene Beziehungen.

Die meisterhafte Dramaturgie verwebt beide Konfliktebenen miteinander – der äußere Druck verstärkt den inneren Aufruhr und umgekehrt, bis die Figur in einem Crescendo der Entscheidung zur Katharsis findet.

Fotocredits

Der Ausschnitt aus Michelangelos monumentalem Deckenfresko in der Sixtinischen Kapelle, Die Erschaffung Adams, erschien mir passendes Synonym zu sein für das Spannungsfeld Innen – Außen, Protagonist – Antagonist. Dankenswerterweise hat Joana Abreu das Foto einer Zeichnung auf Unsplash kostenlos zur Verfügung gestellt.

Herzlichen Dank, Joana!

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