Exposé zu einem Manuskript: eine der vornehmlichsten Aufgaben eines Lektors. Der Beitrag zeigt ein Beispiel.

Feedback zu einem Manuskript

Inhaltsverzeichnis

Anfang Juni rief eine mir flüchtig bekannte Frau an; sie habe ein Buch geschrieben und wolle jetzt wissen, wie es weitergeht. Ein paar Nachfragen, und rasch war klar: eine Anfängerin in Sachen Schreiben. 

Ich bot ihr einen professionellen Blick ins Manuskript an, und am nächsten Tag lagen die ersten zehn Seiten ihres Entwurfs im Briefkasten. 

Hier meine Antwort auf das, was ich vorgefunden habe.

Freundliche Kontaktaufnahme

Sehr geehrte Frau M.!

Ich möchte mich ganz herzlich für das Vertrauen bedanken, das Sie mir entgegen gebracht haben, indem Sie mir die ersten zehn Seiten Ihres Manuskripts überlassen. Mir ist die sensible Natur Ihres Textes sehr bewusst – deshalb versichere ich Ihnen ausdrücklich, dass Ihre Zeilen bei mir in wertschätzenden Händen sind. Niemand wird davon erfahren.

Nun aber zum versprochenen Exposé, also zu meinem Eindruck Ihres Manuskripts.

Hoffnungsvolle, aber unrealistische Erwartung

Als ich Sie fragte, was Sie mit dem Buch vorhaben, antworteten Sie, es solle Sie persönlich berühmt machen, und auch das Buch selbst solle berühmt werden. 

Ein enormer Wunsch und ein nicht geringer Anspruch, doch ich habe Zweifel, ob sich beide werden erfüllen können. Wunsch und Anspruch (und unser erstes Telefonat) zeigen, dass Ihnen, Frau M., der Buchhandel noch ein weitgehend unbekanntes Terrain ist.

Das lässt sich natürlich ändern. Man kann sich ja sehr viel Wissen aneignen, doch selbst die profundesten Marktkenntnisse ändern nichts an der Notwendigkeit, dass ein Produkt vorliegen muss, bevor man »auf den Markt« treten kann. Deshalb hier nun mein Blick auf das »Produkt«, auf Ihr Manuskript.

Worüber sprechen wir?

Das Manuskript

Vor mir liegt ein zehnseitiger Text, geschrieben in der Ich-Form, der von einer leidvollen Kindheit berichtet. Von einem extrem gewalttätigen Vater, der Anflüge von Liebe und Zärtlichkeit zeigt – eine Brutstätte für Schizophrenie. Die zehn Seiten berichten von immer wiederkehrender Gewalt in der Familie bis hin zum offenkundigen Versuch des Vaters, eines der Kinder töten zu lassen. 

Das Thema

Die vorliegenden Seiten deuten aufs Genre »Betroffenheitsliteratur« hin: Autobiografisches, Selbsterfahrungsberichte. »Gewalt gegen Frauen« ist eine Art »Dauerbrenner« unter den Themen, das Manuskript wird die wahrnehmbarste Resonanz wohl unter Betroffenen erfahren. Aufpassen muss man, dass der Text nicht zur »Abrechnungslyrik« gerät.

Stärken und Schwächen des Manuskripts

Anmerkung. Die Autorin hebt mit einem förmlich aus dem Sitz hebenden Satz an. Um ihre Anonymität zu wahren, zitiere ich ihn nur im Ansatz.

»Bis heute kann ich …«  

Ein ganz eindrucksvoller, starker erster Satz! Er setzt den Ton, den der Leser ab nun vom Text erwartet. Um wen geht es hier, fragt er sich, warum »kann« die Erzählerin … nicht …? Wollte sie … denn …? Will sie es immer noch? Hier öffnen sich Fragen, die unmittelbar ins Geschehen leiten. Das ist ein starker Anfang. 

| Anmerkung: Die Auslassungspunkte dienen der Anonymisierung. |

Sehr bald aber erlahmt das Interesse, genauer: Ich, der Lektor, befürchte, dass sich die erzählte Geschichte in einer Aufzählung von schrecklichen Ereignissen erschöpft, ein Erlebnis löst das andere ab. Und man weiß nicht, noch ahnt man als Leser, worin das münden soll. 

Dramaturgie

Wenn das Manuskript ausschließlich die Aneinanderreihung von überwiegend tragischen, brutalen Ereignissen beschreibt, so steht dem Manuskript eine gehörige Portion Überarbeitung bevor. 

Wovon also handelt das Buch? Gibt es nur Schweres, oder winkt auch Erlösung? Führt die Geschichte auf ein Ziel hin, oder wird sie einfach nur abbrechen? Gibt es außer den Tiefen auch Höhen? Vielleicht sogar einen Höhepunkt? Letztlich: Was genau will die Erzählerin mitteilen?

Wenn Ihnen, Frau M., eine Art Biografie vorschwebt, müssen Sie einen guten Grund liefern, warum Ihnen auch nur ein Leser folgen soll. Sie sind nicht, um zwei Beispiele zu nennen, Heidi Klum oder Bastian Schweinsteiger, deren Biografien ganz ohne Anstrengung hunderttausend Mal gekauft werden – welches Argument liefert Ihr Text, dass er als Buch gekauft wird?

Einschub: der Markt

Um die Verkaufschancen eines Produkts einzuschätzen, hilft nur eines: Man muss die Sache mit Distanz betrachten und weniger mit heißem Blut.

Distanz heißt in diesem Fall: Wechseln Sie die Perspektive, Frau M.! Lassen Sie einmal Ihr persönliches Beteiligtsein außer acht, schieben Sie Ihre innere Bewegung, Ihre Gefühle und all die Arbeit, die Sie ins Manuskript investiert haben, für den Moment beiseite, und nehmen Sie einmal den Blick eines Lesers ein. Eines Lesers, dem all Ihre Gefühle fehlen und der keine Ahnung hat, was das Manuskript für Sie, Frau M., bedeutet. Ein Leser, der im Laden steht und Ihr Buch aus dem Regal greift und dem im Zweifelsfall egal ist, was Sie bewegt. Was wird er tun?

Er prüft, ob ihm das Buch gefallen könnte, ob es ihn anspricht. Er schaut aufs Cover, liest den Klappentext und schlägt dann das Buch auf. Er stellt sich eine Frage: »Ist das eine Geschichte, die mich interessieren wird?« Anders formuliert: Kann sie, diese Ihre Geschichte, den Leser neugierig machen?

Die Perspektive des Lesers ist das eine; aber bevor das Buch im Laden steht, haben sich bereits andere Gedanken gemacht. In einem Verlag bewerten viele die Aussichten ihrer Produkte. Deren zentrale Frage lautet: Werden wir mit N.N. <Anmrkg. Hier nenne ich den Arbeitstitel des Manuskripts> Geld verdienen?

Das ist der Hintergrund des Marktes.

Was ist zu tun?

Ohne Kenntnis des gesamten Textes lassen sich keine präzisen Empfehlungen geben; es bleibt also beim eher Allgemeinen.

Machen Sie Folgendes, Frau M.: Schreiben Sie auf höchstens einer halben DIN-A4-Seite auf, worum es in Ihrem Buch geht. 

Dann kürzen Sie diesen Text noch einmal: auf drei, maximal vier Sätze.

Was bringt Ihnen das?

Auf diese Weise schälen Sie möglicherweise den Kern des Buches heraus – genau das, was bspw. ein Leser wissen möchte, der Ihrem Buch zum ersten Mal begegnet, oder was den Lektor in einem Verlag umtreibt, der darüber entscheidet, ob Ihr Buch ins Programm aufgenommen wird.

Zweitens: Gibt es eine Entwicklung der Protagonistin? Anders gefragt: Verändert sie sich? (Protagonist nennt man die zentrale Figur einer Geschichte, die »Heldin«.) Notieren Sie diese Entwicklung – sie kann für die Struktur der Geschichte von ausschlaggebendem Einfluss sein.

Drittens: Wer sind die Nebenfiguren, und welche Funktion besitzen sie? Notieren Sie sich das.

Viertens. Gehen Sie in die Buchhandlungen, immer wieder und immer auch mal in verschiedene. Suchen Sie nach Literatur, die Ihrem Buch ähnelt. Ratgeber, Selbsthilfeliteratur, Erlebnisberichte, Biografien, Psychothemen. Schauen Sie sich diese Bücher genau an: Cover, Klappentext, Inhaltsbeschreibung. Lesen Sie das Vorwort. Und lassen Sie zu sich sprechen, was Sie dort lesen, was Sie dort entdecken, was Sie dort finden. 

Fragen Sie die Angestellten, lassen Sie sich Bücher zeigen! Fragen Sie die Angestellten nach ihren persönlichen Eindrücken. Spielen Sie mit offenen Karten: Sie sind Autorin auf der Suche nach Informationen über den Markt. Sie recherchieren.

Fünftens. Wo auch immer Sie sind, ab sofort stellen Sie sich bei jedem Menschen, dem Sie begegnen, die Frage: »Würde der mein Buch kaufen?« Gehen Sie über einen x-beliebigen Flohmarkt, wandern Sie durch einen Supermarkt, schlendern Sie durch die Fußgängerzone, beobachten Sie die Menschen eine Stunde lang in einem Café, und schätzen Sie sie nach diesem Kriterium ein: Kunde oder Nichtkunde? Interessiert oder desinteressiert? Sie bekommen dadurch möglicherweise ein feineres Gefühl für Ihre »Zielgruppe«.

Was ich für Sie tun kann

Zunächst einmal (und das ist der vielleicht wichtigste Hinweis): Wenn Ihnen jemand sagt, »dieses Buch wird sich nicht verkaufen«, dann jagen Sie ihn zum Teufel! Aber hören Sie vorher genau zu, warum er dieser Meinung ist. 

Nach dem wichtigsten nun der allerwichtigste Hinweis: Misstrauen Sie jedem, der sagt, »dieses Buch muss unbedingt veröffentlicht werden«! Prüfen Sie die Motive. Warum sagt er das? Ist er vom Text überzeugt, oder sollen Sie ihm Geld geben? Faustregel: Wer Ihnen Schmerzen bereitet, meint es gut mit Ihnen.

Da draußen ist niemand, der auf Ihr Buch wartet, das sollte Ihnen bewusst sein. Sie sparen sich dadurch manche Enttäuschung. Wenn niemand darauf wartet, heißt das im Umkehrschluss: Man muss ein Wartezimmer erschaffen, das die Leute neugierig macht. Hier kommen Sie zum ersten Mal mit dem Thema »Marketing« in Berührung. Wenn Sie Fragen dazu haben, dürfen Sie sich gerne an mich wenden.

Das Buch soll, sagen Sie, berühmt werden, es soll Sie selbst berühmt machen. Zwei Dinge sind dazu unerlässlich:

  • ein vorzügliches Manuskript
  • ein funktionierendes Marketing, falls Sie das Buch selbst herausgeben wollen, beispielsweise über Amazon. Falls Sie indes einen Verlag finden, der das Manuskript publizieren wird, brauchen Sie sich darum nicht mehr kümmern, das übernimmt dann der Verlag. 

Doch selbst wenn beides, Manuskript und Marketing, optimal aufeinander eingespielt sind, ist der Erfolg nicht garantiert. Es gibt keine Garantien. 

Beim Manuskript kann ich Sie professionell begleiten; Marketing hingegen ist, trotz meiner vielen Jahre in (Werbe-)Agenturen und Verlagen, nicht mein Steckenpferd.

Zum Abschluss

Soweit also mein Feedback zum Manuskript von Frau M. Es folgten noch ein paar abschließende Floskeln und die Einladung, sich bei Fragen an mich zu wenden. 

Wie auch immer Frau M. reagieren wird: Ihr erfahrt es hier – wenn auch nicht unbedingt postwendend.

Alles Gute, und niemals vergessen:

Immer schön weiterschreiben!

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