Tageszeitung ohne Redigatur
Vielleicht darf ich nicht mitreden. Vielleicht sollte ich wirklich den Mund halten. Fakt ist: Ich war schon beinahe zwanzig Jahre nicht mehr in einer Tageszeitungsredaktion. Meine Kenntnis ihrer Organisation ziehe ich also nicht aus direkter Anschauung; mein Wissen ist angelesen und speist sich aus Filmen wie denen um die Reporterin Annika Bengtzon oder aus Gesprächen.
Aber muss man „drinnen“ sein, um Kritik üben zu können? Ich glaube nicht. Ich glaube, im Gegenteil, dass die Innensicht sogar eine Gefahr birgt: die den Vorwurf der Nestbeschmutzung. Journalisten reagieren nach meiner Erfahrung ungewöhnlich dünnhäutig auf Kritik an ihrer Arbeit. Kritik von außen wird rasch als inkompetent abgetan. Kritik aus den eigenen Reihen hingegen gilt als unfein. Das Krähenprinzip?
Ein langer Anlauf für mein heutiges Anliegen
Ich bin umgezogen. Mein Umzug hat einige Perlen aus dem Archiv gespült wie den Artikel der PNP aus der Zeit der Frauenfußball-WM 2011. Er legt für mein Dafürhalten die Schwächen heutiger Redaktionen und der Abläufe offen. (Ein Klick aufs Bild vergrößert die Ansicht.)
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Muss ich dazu noch viel sagen? Ein eher ungewöhnliches Wort („kurios“) in ungewöhnlicher Frequenz. Ganz offensichtlich hat sich da jemand beim Schreiben nicht zugehört. Wurde vielleicht beim Satzdrechseln abgelenkt oder durch Hektik und wegen drohenden Redaktionsschlusses nervös. Vielleicht aber hat er oder sie auch vertraut auf das, was wir beim Fernsehen so bezeichneten: „Das versendet sich.“ Womit wir Fehler unserer Arbeit bagatellisieren wollten.
Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern – mit Ausnahme eben meines Archivs.
Fehlende Kontrolle bei der Tageszeitung: ein Ärgernis
Brisanter aber ist das Problem der ganz offensichtlich fehlenden Kontrolle! Bei diesem Artikel hat niemand mehr gegengelesen. Das festzustellen brauche ich keinen Insider-Status.
Mich ärgert der Qualitätsverfall unserer Tageszeitung(en)!
Drei Schlüsse ziehe ich aus der oben gezeigten Passage:
Erstens. Tageszeitungen sind gefährlich.
Zweitens. Trotz bester Absichten unterlaufen uns Schreibenden Fehler zum An-den-Kopf-Fassen. Ohne Kontrolle dürfte niemand veröffentlichen.
Drittens. Wer ohne Kontrolle auszukommen glaubt, sitzt auf hohen Rössern und ist damit am falschen Ort. Journalisten sollten auf Ponys umsatteln.
Viel Spaß – und eine gute Zeit!
NB.: Dass die Häufung des Wortes kurios unter der Überschrift „Professionell und haarsträubend“ erscheint, kann nur ungewollte Ironie sein. Oder Prophetie in Hinblick auf den betreffenden Absatz. Kurios ist es auf jeden Fall.
Bizarr. Obwohl: ich stelle immer wieder fest, dass ich auch an bizarren oder sinnlosen Wörtern und Redewendungen kleben bleibe, wo Abwechslung eigentlich ganz einfach und neheliegend hergestellt werden kann. Immerhin merke ich das aber meist beim zweiten oder dritten Lesen.
„Immerhin merke ich das aber meist beim zweiten oder dritten Lesen.“
So soll es sein: den eigenen Texten gegenüber wachsam bleiben.
Danke für deinen Kommentar, Frederik!
Selbst Lektorate schützen nicht: In meinem Buch „Die 99 besonderen Seiten von Düsseldorf“ habe ich trotz x-maligem Korrekturlesen sowie der Lektor als auch die Grafik 3 Fehler übersehen. Allerdings auf 160 Seiten bezogen; die Fehlerquote in Tageszeitungen bzw deren Onlineauftritt ist viel, viel höher.
Drei gefundene Fehler auf 160 Seiten? Das Buch ist fehlerfrei, würde ich mal sagen – wenn die Fehler im Fließtext übersehen wurden! An prominenter Stelle (in den Zwischenüberschriften oder gar Kapitelüberschriften) sind sie unangenehmer. Mir ist einmal ein Fall untergekommen (Jahresbericht eines deutschen Automobilherstelles), da hat jeder, der die Fahnen in die Hand bekommen hat, einen winzigen Fehler übersehen, einen fehlenden Buchstaben: Geschäftsführer, Aufsichtsrat, Grafiker, Redakteur, Korrektor (also ich), keinem ist aufgefallen, dass in der Fußzeile jeder Seite „deusch“ stand statt „deutsch“! Die Auflage wurde eingestampft!
Danke für Ihre Anmerkung!