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Schreiben ist wie Sex. Nur besser.

Solange man Diplom- und andere Abschlussarbeiten seinem Professor noch nicht vorsingen darf, müssen sie geschrieben werden. Schreiben aber ist wie Blockflötenspiel: Die ersten Töne sind schnell rausgepustet – und klingen furchtbar. Dagegen lässt sich was tun.

Wege zur Meisterschaft

Schäfchenspiele mit Zeit • © Johannes Flörsch

Kann man schreiben lernen? Kann man Schreiben lernen? Subtil, nicht wahr?

Sicher lässt sich trefflich streiten, ob eine der beiden Schreibweisen falsch ist – schreiben oder Schreiben? Doch spielt das wirklich eine Rolle?

Und wie! „Der Unterschied zwischen dem richtigen und einem beinahe richtigen Wort ist derselbe wie der zwischen dem Blitz und einem Glühwürmchen.“ Mark Twain.

Wie aber findet, wer schreibt, das richtige Wort?

Schreibkrampf

Es ist ein seltsames, ganz eigentümliches und (je nach Temperament) sogar ängstigendes Erlebnis. Sobald man etwas schreiben soll, fällt man in eine Art Krampf. Präziser: Sobald man etwas schreiben soll, das an einen konkreten Empfänger gerichtet ist: an meine Geliebte, an mein Finanzamt, an meinen Professor (ersatzweise seinen Hiwi). Und nicht nur an die gesichtslose Meute auf Facebook.

Hast du schon einmal alles auf Rouge gesetzt? Hast du schon einmal All in gepokert? Und dabei alles verloren? So in etwa fühlt es sich an, wenn man etwas schreiben soll an Herrn oder Frau Professor, an den Geliebten, an den Sauhund von Reiseveranstalter, der dich auf dem Flur hat schlafen lassen, obwohl du Panoramazimmer gebucht hattest.

Verschärfend, die üblichen Verdächtigen: Terminnot, Literaturmangel, Kommilitonenegoismus. (Das alles sind natürlich Probleme, die auf deinem Mist gedeihen und die ich hier nicht erörtern werde. Die einzig interessierende Frage lautet: Kann man schreiben/Schreiben lernen?)

Panik und Adrenalin

Szenario Hausarbeit; Szenario Abschlussarbeit. Auf einmal sollst du etwas können, was du nie geübt hast. Du sollst schreiben. Dreißig, vierzig, achtzig, hundert Seiten. Möglichst mit Anspruch, denn es geht ja um die Wurst. Oder zumindest um den Bachelor. Und wenn du ehrlich zu dir bist, musst du dir eingestehen: Du hast keine Ahnung von dem, was du da tust.

Schadensbericht

Da du aber etwas tun musst (nämlich schreiben), tust du auch etwas: Du beginnst zu schreiben. Das ist schwierig genug, der horror vacui ist nicht nur die Angst vor dem Nichts nach dem Tod; er befällt dich auch angesichts eines leeren Word-Dokuments.

Das Christentum kennt die Gnade der Verzeihung. Wer seine Sünden bereut, und sei es noch mit dem letzten Atemzug, der erhält das ewige Leben geschenkt. Deinem Professor ist dieses Konzept fremd bis egal, das ist dir bewusst. Und deshalb greifst du angesichts der Möglichkeit deines Studiumtodes nach jedem Strohhalm: Du schreibst, wie du es jahrelang gelesen hast.

Du stürzt dich auf die Wörter, die sie dir Semester für Semester eingebläut haben und die dir mit einem Mal erscheinen wie das Signalhorn an der Küste, wie der Leuchtturm, der dir den Weg weist durch den Nebel, in welchem du treibst.

Da leuchten sie, da tauchen sie auf mit einem Mal, die grauenvollen -ung, die kühlen Geschwister -heit und -keit, die seelenlosen Aktionen aus dürfen, können, mögen, müssen, sollen und wollen. Nicht zu vergessen sein und haben.

Und du schreibst, wie du nie sprechen würdest (es sei denn du baggerst gerade auf einer Juristenparty herum), und du atmest auf und sagst dir, dass nicht falsch sein kann, was andere zwischen zwei Buchdeckel haben pressen dürfen, und du vergisst, dass du ein Mensch bist. Ein Mensch, genau wie dein Adressat. Deine Geliebte, dein Professor.

Vielleicht verbirgt sich hier der tiefere Grund, warum dein Prof noch nie nicht eine Arbeit gelesen hat. Weil er längst weiß, was alles nicht drin steht und wie du das alles formuliert hast. Er liest deine Arbeit nicht, weil du ihn, deinen Adressaten, nicht wie einen Menschen behandelst, sondern wie einen Empfänger. Du buhlst nicht um ihn, umgarnst ihn nicht; höchstens vielleicht willst du ihn beeindrucken mit deiner extrem zupackenden Art, das Thema wiederzukäuen.

Sex endet mit dem Orgasmus, dein Studium mit der Abschlussarbeit. Schreiben endet nie.

Und deswegen ist Schreiben besser als Sex.

Wenn du deinen Partner auf Höhen führen möchtest; wenn du auf Höhen geführt werden möchtest, musst du arbeiten. Dazu reicht es nicht, youporn einzuschalten – youporn ist wie Lassiter, ChickLit, Hedwig Courts-Mahler oder all die anderen Lümmel, die jetzt „regional“ schreiben. Ersatzbefriedigung.

Kann man Sex lernen?

Natürlich! Such dir einen Partner, der gewillt ist, mit dir Neuland zu erobern. Setzt die Segel und hinaus mit euch aufs offene Meer.

Ich habe nichts gegen Wechsel des Partners. Du musst dir nur darüber im klaren sein, dass du für richtig guten Sex zwei Dinge brauchst: Zeit und Vertrauen.

Zeit und Vertrauen, ich will nicht ungerecht sein, können auch für die Dauer nur einer Nacht existieren.

Willst du jedoch, dass dein Sex immer besser wird, kommt zu Zeit und Vertrauen ein drittes hinzu: Konstanz. Und ein viertes: Pflicht. Und all die anderen herrlich antiquierten Begriffe, die haarscharf an der Moral vorbeischrammen. Aber ich mein’s gar nicht moralisch, denn du hast immer die Wahl. Beim Sex wie beim Schreiben.

Geh zu zweit deine eigenen Wege

Schreiben lässt sich lernen; schreiben hast du gelernt, als du in die Schule kamst. Wenn du Schreiben lernen willst, Schreiben mit großem „S“ wie bei „Sex“, kommst du um zwei Dinge nicht herum.

Erstens. Such dir einen Partner. Oder um im Bild zu bleiben: Masturbation bietet ein nur klägliches Feedback.

Zweitens. Misstraue sämtlichen Schreibratgebern (inklusive dem, was ich hier schreibe). Es gibt einen Part beim Schreiben, der ist Handwerk. Handwerk lässt sich lernen.

Im Laufe der Jahrhunderte haben sich Regeln gebildet, die auf immer und ewig Bestand haben werden. Sie zu kennen hilft ungemein. Sobald du sie verinnerlicht hast, bedien’ dich ihrer, indem du sie nutzt – oder ignorierst.

Fünf Thesen.

These 1
Beim Schreiben ist alles erlaubt. Aber …

These 2
Wenn gefallen soll, was du schreibst; wenn du jemanden erreichen möchtest mit dem, was du schreibst; wenn du zufrieden sein möchtest mit dem, was du schreibst, tust du gut daran, die Regeln zu kennen. Aber …

These 3
Regeln muss man kennen, bevor man sie brechen darf? Das ist Blödsinn. Aber …

These 4
Schreiben ist nichts für Feiglinge, Regeln sind für die Ängstlichen. Aber …

These 5
Ein Kind lernt gehen, indem es sich aufrichtet, festhält, losmarschiert. Es fragt nicht nach Mut.

Mehr ist es nicht.

Jedes geschriebene Wort stärkt den Mut. Also mach dich auf den Weg – werde mutig!

In einem zweiten Artikel werde ich dir demnächst die Top-5 der Regeln vorstellen. Vielleicht werden’s auch nur drei oder gar sieben. Mal seh’n.

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