Suche
  • Rechtschreibprüfung, Lektorat, Schreibworkshops
  • Johannes Flörsch
Suche Menü

Selbstverteidigung. Was ein Autor in einer Rezension zu hören bekam

„Sprachliches Armutszeugnis“, hat ein sich pinkpoison nennender Kommentator seine Rezension überschrieben. Er nimmt darin Stellung zu einem Buch von Ruprecht Frieling, das ich lektoriert habe – und er nimmt den Mund reichlich voll. Da habe ich mir gedacht: „Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil.“

Pinkpoison schreibt: „Es genügt ein Blick ins Inhaltsverzeichnis, um zu erkennen, dass hier niemand oder ein Stümper lektoriert hat: ES MACHT SINN ist ein übler Anglizismus und genau diese sprachliche Inkompetenz macht dieses Buch durchgängig ungeniessbar.“

Ruprecht Frieling, der Autor wies mich auf diese Kritik hin, und anders als ihn ärgerte mich diese Rezension: Wegen einer durchaus diskussionswürdigen Formulierung („makes sense“ bzw. das deutsche Pendant „etwas macht Sinn“) ein Buch in Bausch und Bogen zu verdammen und dabei mit Invektiven um sich zu schmeißen, das war mir dann doch zu viel. Hier meine Antwort.

Werter Rezensent! Wissen Sie, was ein fünfköpfiger Familienvater ist? Nein? Ist ja auch eine ziemlich seltsame Konstruktion. Man ahnt, was gemeint ist, aber irgendwie on the other side scheint da etwas nicht zu stimmen. Richtig – da stimmt etwas nicht! Es gibt keinen fünfköpfigen Menschen bzw. Vater. Genau darauf aber zielt das Attribut fünfköpfig: auf den zweiten Teil des zusammengesetzten Hauptwortes Familienvater.

Wenden wir uns nun Ihrem Attest sprachliches Armutszeugnis zu. Obwohl, ist eigentlich nicht mehr nötig, oder? Sie haben sicherlich schon verstanden, dass ein sprachliches Zeugnis makes no sense, oder?

Es genügt also ein Blick auf die Überschrift, um zu erkennen, dass hier ein Stümper schreibt, jemand, dessen Rezension dank erwiesener Inkompetenz irrelevant ist. Sie haben sich selbst ad absurdum geführt, und ich danke Ihnen von Herzen.

Zwei Dinge noch zum Abschluss: Das Buch wurde lektoriert und zwar von mir, Johannes Flörsch. Ich bin, man möge es mir verzeihen, Lektor  und nicht der Gott Vater der Sprache. Will sagen: Trotz aller Akribie und Lust, mit der ich meiner Arbeit nachgehe, unterlaufen mir und produziere ich Fehler. Wenn dann irgendeine hergelaufene Pissnelke meint, mich als Stümper bezeichnen zu müssen, noch dazu wegen einer Formulierung, auf die ich gleich zu sprechen komme, so berührt das meine Professionalität – und die zu beurteilen steht niemandem zu, der sprachliches Armutszeugnis zusammenkleistert. In anderen Worten: Runter vom Ross, werter pinkpoison!

Und nun also dieses makes sense, dieses ominöse macht Sinn.

Ja, ja, ja  ist ja gut! Der Sinn macht gar nichts, und auch etwas anderes macht keinen Sinn. Jedenfalls nicht in dem Sinne, in dem wir machen verstehen. Und ja, ja, ja  es gibt elegantere, von mir aus auch richtigere Formulierungen. Sie wissen aber auch, dass Sie damit einen alten Hut aus dem Keller gezogen haben, nicht wahr? Falls nein, sage ich es Ihnen: Sie haben eine uralte Kamelle aus dem Ofen kriechen lassen – Sie hinken Ihrer Zeit weit hinterher.

Ach, und dann doch noch eines. Niemand oder ein Stümper, schreiben Sie, habe das Buch lektoriert, schon der Blick ins Inhaltsverzeichnis zeige das.

Mit diesem Satz katapultieren Sie sich direkt nach der Überschrift ein zweites mal ins Aus. Ganz offensichtlich besitzen Sie nicht den Hauch einer Ahnung von der Zusammenarbeit zwischen Autor und Lektor. Von den Diskussionen, den produktiven Streitereien, dem Ringen um Inhalte, damit everything a sense makes, was dann später zwischen Buchdeckel gepappt werden soll. Und jetzt kommt’s.

Manchmal in diesem Prozess entsteht ein Kompromiss, muss ein Kompromiss gefunden werden. Ein Kompromiss, an dem sich dann Pissnelken abarbeiten wie der Rüde am Bein seines Herrchens.

Um Irrtümern vorzubeugen: Wenn ich Sie persönlich kennte und Ihren Namen wüsste, vielleicht, vielleicht, würde ich Sie persönlich dann als Pissnelke bezeichnen. Da ich das nicht tue (Sie kennen), bezieht sich das Wort selbstverständlich nicht auf Sie, sondern bezeichnet vielmehr meine Einschätzung der intellektuell Bedürftigen, die sabbernd ihre Klimax ins Keyboard tröpfeln lassen. Makes that sense for you?

Ich folge einer Maxime: Ich kommentiere weder meine Arbeit noch die meiner Autoren, zumindest nicht in der Öffentlichkeit. Hier aber ging es um anderes: grober Klotz und Keil.

 Ich halte es bei solchen Formeln mit dem Oberhaupt des Klosters Shangri-La aus dem Roman „Der verlorene Horizont“ von James Hilton: Ich bin mäßig ehrlich, mäßig fleißig und mäßig konsequent.

12 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Bei dem Amazon-Kritiker handelt es sich vielleicht um einen Menschen, dessen Leben vom eigenen Scheitern bestimmt wurde. Er bettelt deshalb um Aufmerksamkeit. Ich persönlich mag mich nicht darüber aufregen, weil es dem Wohlbefinden und der Schöpferkraft schadet. Aber deine Antwort – das sage ich offen – lese ich mit der berühmt-berüchtigten klammheimlichen Freude.

  2. Vielleicht trifft deine Analyse zu, lieber Rupi, vielleicht auch nicht. Mich freut es, wenn ich dich in eine freudige Stimmung versetzen konnte. Danke für deine Anmerkung!

  3. Habe mal die Kindle-Leseprobe gelesen und finde die Sprache des Buches auch unbeholfen bis extrem schlicht. Da geht ständig etwas „flöten“, aus dem Bauch des Orchestergrabens dampft es und eine Kapitelüberschrift, die „Sinn macht“, ist einfach ein Armutszeugnis. Schüttel.

  4. Sie finden die Sprache „unbeholfen“, schreiben Sie, und ich wäre Ihnen dankbar für eine Stelle, die Ihnen „unbeholfen“ erscheint – man lernt ja nie aus. Ihr Attribut „extrem schlicht“ wiederum lese ich so: frei von feuilletonistischer Huberei; verständlich, eingängig – und ich sage: Ziel erreicht.

    Ob „Sinn machen“ wirklich ein Armutszeugnis ist, darüber ließe sich streiten, sicherlich aber nicht auf der Basis einer Beleidigung.

    Dieses Buch wurde für eine Klientel geschrieben, die mit Ihnen vermutlich wenig gemein hat. Das Buch nicht zu mögen, ist das eine; und wenn es Sie schüttelt, dann wissen Sie ja, um welche Bücher/Manuskripte welchen Autors Sie in Zukunft einen Bogen machen sollten. Allen anderen sei hiermit das vom Staub und der Patina einer problematischen Rezeption befreite Manuskript über Wagners Bühnenfestspiel „Ring des Nibelungen“ wärmstens empfohlen.

    Vielen Dank für Ihre Anmerkung!

  5. Ein Beispiel für unbeholfene Sprache? „Vierstöckige Oper“ statt „vier Abende“ oder „vierteiliger Zyklus“. „Ihre Brüste sind fest, die Pobacken faltenfrei“, was sie nicht sein müssen und im bürgerlichen Repertoiretheater auch nicht unbedingt waren.
    Mag sein, dass ich nicht die Zielgruppe bin, aber auch die Prolls haben ein Recht darauf, den Kernkonflikt genannt zu bekommen, ohne erst seitenlang belangloses Gelaber lesen zu müssen. Lesetipp: Peter Czernys „Opernbuch“ von 1959.

  6. Da ich sowohl den Autor Ruprecht Frieling als auch viele seiner Texte kenne, konnte ich mir nicht vorstellen, dass er ein derart „unbeholfenes“ Werk verfasst haben soll, wie der „rosa giftige“ Rezensent behauptet. Obwohl ich kein Opernfan bin, habe ich mir eine Leseprobe bestellt und den Text mit großem Vergnügen gelesen. Ja, ich habe sogar Lust bekommen, das ganze Buch kennenzulernen!
    Als Autorin, Redakteurin und Lektorin bin ich zum Ärger einiger Kollegen ziemlich pingelig, wenn es um korrekte Schreibweise und Sprachanwendung geht. Innerhalb der Leseprobe konnte ich jedoch nichts als geschickte, gut verständliche und amüsant formulierte Sätze entdecken, die sicher vielen Lesern eine kurzweilige Lektüre bescheren.

  7. Wir leben (wenn’s das denn gäbe) in unterschiedlichen Kosmen, Herr Stomps – und das hat nicht unbedingt etwas mit „Zielgruppe“ zu tun, zumindest nicht allein. Ich halte „vierstöckige Oper“ für kraftvoll, anschaulich – die „vier Abende“ hingegen, den „vierteiligen Zyklus“ für gähn (oder in Ihrer Terminologie: belanglos, wenn auch korrekt). Dass man das alles auch ganz anders rezipieren kann, schildert Andrea Fettweis (siehe einen Kommentar weiter oben).

    Ich vermute, Ihr Problem mit dem Text rührt von etwas anderem her: von der „Respektlosigkeit“, ja phasenweise Schnoddrigkeit, mit der Ruprecht Frieling den Ring beschreibt. Ist es das, was Sie stört?

  8. Genau so war’s gedacht, Andrea: Der Text soll Lust machen; mit Ehrfurcht ist man Wagner schon immer begegnet. Ihn bzw. die Rezeption seiner Werke auch mal ein wenig ins Boulevardeske zu schieben, war allemal einen Versuch wert. Wagners Musik, sein Werk ist ernst genug – schön, wenn mal jemand mit nachgrade kindlichem Spaß zeigt, dass man’s trotz aller Ernsthaftigkeit auch leicht nehmen kann.

    Danke für deinen Kommentar!

  9. Ich danke Herrn Stomps für seine offen vorgetragene Meinung, denn sie zeigt mir, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Es geht mir darum, junge Leute für Wagner zu begeistern und ich produziere daher auch moderne Ringproduktionen wie »Der Ring des Nibelungen« von Kaminski ON AIR. Die ausverkauften Häuser geben uns recht: Es besteht ein Nachholbedarf, Wagner vom Staub vergangener Zeiten zu befreien und das leistet – bei allem Respekt – kein Opernführer von 1959.

  10. Dass ein Opernführer 1959 geschrieben wurde, muss ja erst einmal nichts Schlechtes sein. Dass jedoch mit diesem Hinweis nonchalant die knapp 60 Jahre ignoriert werden, die uns von damals trennen, Jahre, in denen „Herr der Ringe“ in die Kinos kam und „Star Wars“, Filme also mit Anleihen aus dem Ring-Mythos, macht ein wenig bange, Herr Stomps: Entweder ist seit dieser Zeit nichts mehr Vorbildhaftes und dadurch Erwähnenswertes über Wagner veröffentlicht worden, oder Sie kennen es nicht.

    Sollte die zweite Möglichkeit zutreffen, so wäre das ein Stück weit peinlich – nicht, weil Sie etwas nicht wissen (Nichtwissen ist keine Schande, niemals), sondern weil Sie so tun, als sei Czernys Opernbuch sozusagen der Urmeter für die Art und Weise, wie man eine Oper darstellt. Das ist er natürlich nicht. Czernys Opernführer ähnelt wohl Reclams Konzertführer (Blick ins Regal: 11. Auflage, 1976): Taugt für den schnellen Überblick, gibt Einblick in die Entstehungsgeschichte der Werke und schenkt dem musikalisch (Vor-)Gebildeten Auskunft über die motivische Thematik, die Durchführung etc. Aber „Reclam“ ist auch tröge und mag nur den in Ehrfurcht versetzen, der vor Sätzen in die Knie geht wie den folgenden: „Ganz abgesehen von der Tonart-Symbolik im Rahmen der Gesamtanlage der Sinfonie: welch eine Entwicklung! Dort, in der ersten Skizze, zu Beginn ein Quartschritt aufwärts.“ Usw. usw. (Seite 319, Bruckner, 9. Sinfonie)

    Die Quart ist der Abstand beinahe einer halben Oktave; hier bloß von einem „Schritt“ zu sprechen ist feuilletonistischer Kokolores, erzwungen aus einem bildungsbürgerlich gesäugten Anspruch möglichst hoher Unverständlichkeit (der Kaiser lässt grüßen – nicht der Franz, sondern der Joachim aus München, jener Mann, der die Kunst, zu schreiben, ohne dass man ihn versteht, zur sich selbst parodierenden Vollendung geführt hat; ungewollt, natürlich). Summa: Wenn Quart, dann Sprung! Schreiten, das ist die Sekunde; schon die Terz „hüpft“. Zurück zu Czerny, zurück zu Otto Stomps.

    Schön, Herr Stomps, dass Sie Czerny im Regal haben! Freut mich, dass er sie so begeistert. Das Problem jedoch an „Vorbildern“: Es gibt sie bereits. Aus welchem Grund also hätte Frieling, der Autor, Czerny nachäffen sollen? Ruprecht Frieling hat etwas Neues geschaffen, mehr noch: etwas Originäres! Was Frieling absolut nicht verdient hat, sind kleinkarierte Hinweise („sprachliches Armutszeugnis“). Wenn Sie also Aversionen hegen gegen seine Sprache, dann lässt sich das sicherlich anders formulieren als mit Ihrer herablassenden, die Vernichtung suchenden Haltung.

    Anhang.
    Sie reden von den „Prolls“. Ich verstehe das als Verballhornung des Wortes „Proleten“ und erkenne in dieser Wortwahl einen Dünkel, der mir (hoffentlich, hoffentlich) fremd ist, auch wenn er immer wieder mal rezidiv zu werden droht. Von dieser Art intellektuellem Hochmut hat mich die Erfahrung frühester Kindheit (hoffentlich, hoffentlich) gründlichst gereinigt. Damals wurden, in meiner nächsten Umgebung, flammende Reden gegen Jaques Louissier gehalten; damals wuchs eine Empörung, dass ich, der Lederhosenbub, glauben mochte, es ginge um der Deutschen Sünden zwischen 33 und 45. Dabei hatte Louissier nichts anderes getan, als im Trio zu musizieren, Klavier, Bass, Schlagzeug. Sein Sujet: Johann Sebastian Bach. Den aber, so meine Umgebung, solle er gefälligst in Ruhe lassen; Bach hatte man nicht anzurühren.

  11. Das ist ja nun wirklich Imponiergehabe. Es gibt schon Unterschiede zwischen Hochkultur und Prollgewäsch. Womit ich mich nicht dünkelhaft über körperlich arbeitende Menschen erheben will, sondern nur bestimmte Hervorbringungen ressourcenschonend und in durchaus gebräuchlicher Weise zu kennzeichnen versuche (etwa den Humor eines Mario Barth). Die beiden Opernführer sind sicherlich vergleichbar, es hat ja auch immer einer vom anderen abgeschrieben. „Herr der Ringe“ und „Star Wars“ kenne ich nur zu gut und finde sie kaum erwähnenswert, so viel ist richtig.
    Und Czernys Opernbuch ist für mich keineswegs der Urmeter, nur möchte ich auch nichts im Frieling-Sound etwa über ein Werk Bruckners oder Mahlers lesen müssen. Und der „Quartschritt“ ist so unmöglich nicht, der „Schritt“ ist durchaus aufweitbar, man denke an Mattheuers „Jahrhundertschritt“ oder das „ein großer Schritt für die Menschheit“ der Astronauten.

  12. Wo sehen Sie Imponiergehabe?

    Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen Hochkultur und „Prollgewäsch“. Sie glauben, „Prollgewäsch“ bei Frieling ausgemacht zu haben; das heißt mit anderen Worten, Sie urteilen – und sehen sich selbst auf der anderen Seite des Ufers. Das müssen Sie nicht eigens betonen, das folgt aus Ihrer Abgrenzung und Ihrem Insistieren. Zugleich aber, nach dem Urteil „Prollgewäsch“, behaupten Sie, sie wollten sich nicht dünkelhaft erheben. Die Botschaft les’ ich wohl, allein …

    Warum Sie im Zusammenhang mit Mario Barth das Wort Humor nicht in Anführungszeichen setzen, kann ich nicht nachvollziehen.

    Ob Sie HdR oder Star Wars erwähnenswert finden oder nicht, bleibt Ihnen überlassen; warum Sie die beiden Filme für nicht erwähnenswert halten, das wäre mal von Interesse.

    Sie müssen überhaupt nichts lesen, auch keinen Frieling-Sound (netter Einfall, den werde ich für die Werbung nutzen). Wenn ich mich recht erinnere, haben Sie die Leseprobe freiwillig gezogen, also schwafeln Sie nicht, ich bitt’ Sie, Herr Stomps von einem Zwang, der nicht existiert.

    Mattheuers Jahrhundertschritt sagt mir nichts, und ich werde auch nicht den Eindruck hinterlassen, als ob eine flüchtige Wikipedia-Lektüre mich in die Lage versetzte, so zu tun als ob. „Der große Schritt“ der Astronauten (Sie meinen wohl des Astronauten, denn nur einer hat ihn getan, den Schritt, und den Satz gesagt) ist eine gänzlich andere Kategorie im Sinne von: Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich.

    Wenn Sie gestatten, Herr Stomps, lassen wir es gut sein. Wir können uns unsere Bildung um die Köpfe schlagen und würde außer Blessuren nichts gewinnen. Selbstverständlich aber sollen Sie das letzte Wort haben. Einverstanden?

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.