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Was Stephen King wirklich zum Thesaurus sagt

„Stephen King lehnt Thesauri (auch Thesauren) ab!“

So in etwa lautet der Aufschrei in einer Facebook-Gruppe*.

Als Beleg dient ein Foto mit einem Porträt des Schriftstellers und dem als Zitat erkennbaren Satz: „Any word you have to hunt for in a thesaurus is the wrong word. There are no exceptions to this rule.“

Eine ganze Menge Menschen hat etwas beizutragen. Es werden Meinungen in die Diskussion geworfen, es werden Routen eingeschlagen, die von Anlass und Thema abweichen, es werden Vermutungen angestellt darüber, was Stephen King mit der im Grunde glasklaren Aussage gemeint haben könnte. Menschen in Deutschland interpretieren, was King in Maine gemeint hat mit seiner Einschätzung: „Jedes Wort, nach dem Sie in einem Thesaurus suchen müssen, ist das falsche Wort. Es gibt keine Ausnahmen von dieser Regel.“

Thesaurus des Verhaltens 

In der Diskussion entdecke ich eine Art von Thesaurus für Verhalten: Man macht dasselbe und benennt es anders.

Es wird eine Nachricht in die Welt gesetzt, und weil es so sein könnte, wie die Nachricht suggeriert, wird nicht mehr geprüft, ob sich aus dem Könnteein Ist rekonstruieren lässt. Mit anderen Worten: Hat King den Satz überhaupt gesagt?

Was Stephen King wirklich gesagt hat

Ja, das hat er. Meine „Recherchen“ im Internet führen mich auf eine Seite, auf der King mit diesem Satz zitiert wird. Aber er zieht einen Kreis um den Satz, eine Manege, in der der Satz auftreten darf!

Kings Satz ist aus dem Zusammenhang gerissen, wie es so nett heißt, wenn sich jemand missverstanden fühlt. Aber King kann an dieser Stelle gar nicht missverstanden, er kann nur beschnitten werden, denn er erläutert einen eigenen Tipp.

Der Tipp lautet: „Never look at a reference book while doing a first draft.“

While doing a first draft! King bezieht sich explizit auf den ersten Entwurf. Und er erläutert, warum er in diesem Stadium des Schreibens jeglichen Ratgeber als Hindernis einschätzt: weil das Nachschlagen im Thesaurus den Gedankengang des Schritstellers unterbricht und die Trance, in der er sich befindet (wir würden vielleicht sagen: den Flow). King sagt: „… breaking your train of thought and the writer’s trance in the bargain …“

Hier habe ich den Wortlaut gefunden, das war die erste Quelle:

livehacker.com

Und hier der Ursprung, die eigentliche Quelle:

aerogrammestudio.com

Überfliegt man die Diskussion, wird klar: Keiner, wirklich keiner hat geprüft, ob King tatsächlich gesagt hat, was ihm unterstellt wird. Im Gegenteil, etwas reichlich Verrücktes ist passiert: Die Diskussion wurde an selber Stelle aufgegriffen und als neuer Post reanimiert.

Dass keiner misstrauisch geworden ist, erschrickt mich. Zweifel ist der Anfang eines jeden Schreibens: Zweifel sich selbst gegenüber, Zweifel dem gegenüber, was andere sagen.

Erst auf dem Zweifel kann Kreativität gedeihen.

*Richtigstellung: Ausgang nahm die Diskussion mit der durchaus unschuldig klingenden Frage: „Was haltet ihr davon?“


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