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Der so selten glückende szenische Einstieg

Quelle: Skellig Michael in Irland: Mächtige Insel und „Star Wars“-Drehort

„Warmschreiben“ nennt E. A. Rauter die Unsitte so vieler Journalisten, erst spät in ihrem Text mit dem Eigentlichen herauszurücken. Warmschreiben, schreibt Rauter, diene einzig dem Autor, doch der solle den Leser mit seiner Unzulänglichkeit, bitteschön, nicht behelligen; er stiehlt dem Leser Zeit.

Drei Einwände gegen das Warmschreiben

  • Warmschreiben hält den Leser auf.
  • Der Inhalt des unterm Warmschreiben zustande Gekommenen hat meist nichts mit dem Thema des Artikels zu tun.
  • Warmschreiben ist wie Warmlaufen: Es interessiert das Publikum herzlich wenig, wenn der Autor sich reckt und räkelt, die Finger dehnt und in seinem Hirnkastl nach einem wohligen Anfang sucht.

Der szenische Einstieg: ein Mittel gegen das Warmschreiben?

Wenn Journalisten Reiseberichte schreiben, fallen sie in einen Krampf. Statt dass sie schreiben, wo sie sind und warum, müssen sie sich warmschreiben. Sie stürzen sich auf ein Stilmittel, das den Schriftsteller in ihnen forciert: Sie versuchen sich am szenischen Einstieg.

Der szenische Einstieg heißt so, weil er eine Szene beschreibt, die der Autor vor Ort erlebt hat. Oder erzählt bekommen hat. Oder von der er sich vorstellt, dass es so und so hätte gewesen sein können. Kurz: Er fabuliert. Ihm, dem Autor, scheint es wichtig, weit, ganz weit auszuholen und heranzuzoomen. Vielleicht hat er mal von Sam Goldwyn gehört, dem Filmproduzenten, und dessen Anspruch an seine Drehbuchautoren: „Mit einem Erdbeben beginnen und dann ganz langsam steigern“, vielleicht glaubt er nun, den Stein der Weisen entdeckt zu haben. Ach, könnte er nur das eine wie das andere, der Reisejournalist! Das Erdbeben wie die Steigerung.

Genug der Vorrede, genug des Warmschreibens. Hier ein Beispiel für einen miesen, weil rätselhaften szenischen Einstieg. Er stand so in der Passauer Neuen Presse vom 18. Juni und wurde auch online veröffentlicht.

Jahrzehnte haben Fans der Weltraumsaga auf diesen Moment gewartet. Nach einer über zweistündigen Hatz durchs Weltall ist auf einmal eine idyllische Insel auf der Kinoleinwand zu sehen, umspült vom tiefblauen Ozean, überzogen vom feinen Grün zierlicher Blümchen und dominiert von kargem, steilem Fels. Hunderte Stufen führen Titelheldin Rey hinauf zum Plateau – und dann ist er da, der zuvor verschwundene Scifi-Messias, der Held der „Star-Wars“-Jugend der 1970er und 1980er Jahre: Luke Skywalker. Doch dieser cineastische Meilenstein gehört nicht dem Jedi-Meister allein, vielmehr ist es die Kulisse von Skellig Michael, einem imposanten Eiland vor der Küste Irlands.

Der erste Satz. Eine jahrmarktschreierische Behauptung.

Zweiter Satz. Eine Behauptung muss dem Leser die Antwort liefern, worauf die Fans gewartet haben. Sie kommt in Form puren Irrsinns! Haben „Fans der Weltraumsaga“ wirklich auf den Anblick einer Insel gewartet?

Zweiter Satz, zweiter Teil. In meiner Vorstellung gehen „Idyll“ und „karger, steiler Fels“ nur schwerlich zusammen.

Dritter Satz. Soweit ich weiß, heißt der Film, auf den sich der erste Absatz bezieht, „Star Wars: das Erwachen der Macht“. Nichts ist dort zu lesen von einer Titelheldin Rey.

Dritter Satz, zweiter Teil. Ein Scifi-Messias? Soll das Ironie sein, augenzwinkernde Distanz zur Beschreibung? Nimmt der Autor selbst nicht ernst, was er da schreibt? Ein Scifi-Messias? Geht’s noch ein bisschen höher?

Dritter Satz, dritter Teil. Held der „Star-Wars“-Jugend der 1970er und 1980er Jahre. Das wirft zumindest die Frage auf, was eine „Star-Wars“-Jugend ist.

Vierter Satz. Um im Genre zu bleiben: völlig abgespaced! Auf einmal ist die idyllische Insel zu einem cineastischen Meilenstein mutiert. Doch der zweite Teil schlägt dem Faß die Krone ins Gesicht …

Vierter Satz, zweiter Teil. Angenommen, mit dem cineastische Meilenstein ist tatsächlich die idyllische Insel gemeint, dann heißt der Satz, den der Autor herausgewürgt hat:

„Doch diese Insel gehört nicht dem Jedi-Meister allein, vielmehr ist sie (die Insel) die Kulisse von Skellig Michael, einem imposanten Eiland vor der Küste Irlands.“ Mit nochmals anderen Worten: Die Insel ist ihre eigene Kulisse.

Ich hab was gegen szenische Einstiege

Mag sein, dass ich nicht fair bin, aber ehrlich: Der Autor ärgert mich, seinen Leser. Er gibt mir Rätsel auf, die er nicht löst, er wabert und wallt, er biedert sich an mit der Star-Wars-Szene, er traut sich selbst nicht, er demonstriert Unkenntnis (das feine Grün zierlicher Blümchen), und erst im zweiten Absatz, nach 26 Zeilen, wird halbwegs klar, wovon der Artikel handelt. Aber auch da begeht er den Fehler aller Fehler. Ich zitiere:

Und Guide Claire O’Halloran (53) zeigt sie den maximal rund 150 Inselbesuchern pro Tag.

Er nennt also einen Namen, Claire O’Halloran, nicht aber den Grund, warum er sie erwähnt, außer … ja, außer man weiß, dass „Guide“ kein Bestandteil des Namens von Frau O’Halloran ist, sondern das englische Wort für (Fremden-)Führer. Und dass „maximal rund 150“ geradezu lächerlich unpräzise um Präzision ringt, wäre schon wieder Anlass, einen Artikel zu schreiben über die Bevormundung von Lesern durch Journalisten. Nichts wäre verloren, hätte der Autor geschrieben: „… zeigt sie den täglich 150 Inselbesuchern.“

Was werfe ich dem Autor vor?

Ach, eigentlich gar nichts. Er weiß es nicht besser, sonst würde er es besser schreiben. Zu Hause, am Tresen, im Fitness-Center brüstet er sich vielleicht mit der Adresse PNP-online, ein bisschen vom Glanz des Blattes wird wohl auch ihn bestrahlen. Er selbst hingegen trägt nicht zum Glanze bei. Und die Wächter in der Redaktion, sie haben das Tor geöffnet und den Beitrag hineingelassen. Ach ja.

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