Natürlich hatte ich Sehnsucht nach eigenen Büchern, und natürlich hatte ich schon Bücher auf Amazons kdp veröffentlicht; das aber waren nahezu alles Manuskripte von Autoren, die bei mir, dem Lektor, Rat gesucht hatten.
Ich war aber auch einsichtig genug zu erkennen, dass ein eigenes Buch eher ein Traum bleiben würde. Zum einen fehlte die tragfähige Idee für einen Roman, schlimmer aber: Ich wollte mir die Qual des Schreibens nicht antun. Monatelang um Ideen ringen, Wörter suchen, Auswege finden, Figuren skizzieren und steuern, Plots überarbeiten … Ich fürchtete mich.
Und dann kam es anders.
Warum ich als Lektor selbst auf Amazon kdp veröffentliche
Selfpublishing ist kein Kreativurlaub. Es ist Marktarbeit, Textarbeit und Regelkunde. Ein Erfahrungsbericht aus der Praxis.
jofl Piep
Wer Texte anderer Leute lektoriert, gerät zwangsläufig in Erklärungsnot. Warum predige ich Planung, Marktkenntnis und saubere Umsetzung – und veröffentliche selbst nicht?
Zwei Dinge kann ich gut: mir gegenüber absolut ehrlich zu sein, erstens, und die Erkenntnisse aus der Reflektion nicht unbedingt rasch in Tat & Wandel zu metamorphisieren. (Tolles Wort, nicht wahr?)
Im November 2024 traf mich der Blitz aus dem Universum: »Ich werde Schriftsteller! Es müssen ja keine Romane entstehen, Mid-Content-Bücher tun es auch.« Damit gemeint sind Bücher mittleren Umfangs, die bei Amazon kdp Chancen auf Verkauf versprechen.
Amazon: kein Verlag, kein Schutzraum, keine Ausreden. Nur Text, Produkt und Markt.
Recherche statt Romantik: der Einstieg ins Selfpublishing
Mein Einstieg begann nicht mit einer Idee, sondern mit einer Idee plus Recherche. Auf YouTube. Ernüchternd schnell zeigt sich dort, wie viele Mythen rund um passives Einkommen und »Bücher, die sich von selbst verkaufen« kursieren. Wer lange genug zuhört, erkennt die Muster.
Einer sprach anders: Chris Tsekmes. Ruhig, unaufgeregt, datenbasiert. Keine Motivationstricks, sondern Prozessdenken. Seine zentrale Botschaft: Vorbereitung ist alles. Ohne Markt kein Buch, ohne Nische kein Verkauf.
Nischensuche mit Helium10: Zahlen schlagen Bauchgefühl
Der entscheidende Schritt war die Themenfindung über Helium10. Nicht »Was interessiert mich?«, sondern »Wonach wird gesucht?«. Diese Perspektive widerspricht vielen Schreibseminaren – funktioniert auf Amazon aber deutlich besser.
Helium10 ist ein Tool, das enorm viele und unglaublich tiefe Informationen zu Produkten auf Amazon liefert; also auch zu Büchern.
Die Daten zeigten, welche Themen Nachfrage haben, wo Konkurrenz beherrschbar ist und welche Ideen ins Notizbuch zurückwandern sollten.
Inspiration ist angenehm – Nachfrage ist wirksam. Das, also die Nachfrage, hätte ich mal genauer tun sollen. Als ich merkte, dass zu meinem Thema (zu meiner Nische) quasi keine Konkurrenz existierte, fühlte ich mich wie Heinrich Schliemann vor den Toren Trojas. Die kaum existente Nachfrage zum Thema Orgasmus hätte mich stutzig machen sollen. Da war ich aber bereits infiziert vom Virus namens Selfpublishing.
Schreiben mit KI – und warum das Lektorat dadurch härter wird
Das Manuskript entstand mithilfe verschiedener KI-Systeme; ChatGPT, Perplexity und Gemini für Text und Recherche, Claude für den Sound, den human touch.
Wer hier Effizienz erwartet, irrt. KI produziert Text, selten aber Text mit Haltung. KI beschleunigt den Rohbau – und verlagert die eigentliche Arbeit ins Lektorat.
Struktur, Stringenz, Tonfall, Redundanzen: Alles musste geschärft werden. Mehrfach. Als Lektor weiß ich, wie selten Texte beim ersten Durchgang tragen. Als Autor musste ich mir diese Wahrheit selbst »zumuten«. Und diese Wahrheit hatte es in sich.
Fehlersuche
Ich entdeckte den Lapsus, als ich »Ende« unters Manuskript schreiben wollte, zwei Monate intensiver Manuskriptarbeit lagen hinter mir. ChatGPT hatte halluziniert, den anderen KI war es nicht aufgefallen, warum auch?
Fehler wollte ich vermeiden, 139 Artikel, 150 Seiten mussten gegengeprüft werden. Aber die zwei Wochen relativ einfältigen Googlens gingen irgendwann auch zu Ende, der nächste Schritt stand an: die Entscheidung fürs Cover.
Coverdesign: Verkaufsargument, kein Schmuck
Im Selfpublishing entscheidet das Cover nicht über Schönheit, sondern über Klicks.
Ich war einer Empfehlung gefolgt und hatte Aleksandra auf Fiverr kontaktiert, dem Portal für kreative Freelancer.
Ein gutes Amazon-Cover funktioniert in Thumbnailgröße, signalisiert Genre und Nutzen in Sekunden und verzichtet auf Eitelkeit.
Mein Cover wurde auf Facebook zur Diskussion gestellt, es wurde überarbeitet, bis ich schließlich sagte: »Schluss jetzt!« Ich war ungeduldig geworden, höchste Zeit für die Veröffentlichung.
Veröffentlichung, Sperre, Einspruch: Amazon als System
Nach der Veröffentlichung am 3. Dezember 2025 folgte der Realitätstest. Amazon klassifizierte den Inhalt als potenziell sexuell und sperrte die Amazon Ads, also die Werbung fürs Buch auf Amazon. Kein Drama, sondern Automatismus.
Mein Einspruch kam sachlich, präzise, war regelkonform – und wurde akzeptiert. Lektion: Amazon ist kein Gegner, sondern ein Regelwerk. Wer es kennt, spart Zeit, Geld und Nerven.
Amazon Ads und Marketing ohne Illusionen
Die Ads laufen mit einem Tagesbudget von sehr zurückhaltenden 3,50 Euro. Kontrolliert, beobachtbar, lernorientiert. Parallel bereite ich TikTok-Videos vor – nicht als Unterhaltung, sondern als Reichweitenwerkzeug. Eine neue, mir unvertraute Umgebung.
TikTok kann bei Erfolg die Werbung auf Amazon überflüssig machen. Noch ist es nicht so weit.
Fazit: kdp ist Arbeit – und genau deshalb interessant
Nach drei Monaten war das Buch veröffentlicht. Kein Bestseller, kein Reinfall. Ein sauber geplanter Prozess von der Nischensuche bis zur Anzeige.
Gehofft hatte ich, das Buch noch vorm Weihnachtsgeschäft lancieren zu können, aber der 3. Dezember war dafür definitiv zu spät, zumal noch einige Schrauben zu justieren waren und ich »Unnützes Wissen zum Orgasmus« immer wieder mal aus dem Regal nehmen musste.
Ich schreibe das nicht als Erfolgsgeschichte, sondern als Einladung zur Nüchternheit. Wer auf Amazon kdp veröffentlicht, sollte denken wie ein Verleger, arbeiten wie ein Lektor und schreiben wie ein Profi.
Und wer bis hierher durchgehalten hat, sollte noch einen Absatz weiterlesen, denn dort verlose ich fünf Exemplare meines Buches.
Call-to-Action: Buchverlosung
So nimmst du an der Verlosung teil
Schreibe mir eine Mail mit dem Betreff »Orgasmus«. Einsendeschluss ist der 31. Januar 2026. Anfang Februar melde ich mich bei den Gewinnern und auch hier.
Ich freue mich auf eure Post!