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Verständlich schreiben, verständlich reden

Wenn ich meine Leser erreichen will, muss ich mich klar ausdrücken. Wenn ich will, dass man liest, was ich geschrieben habe, muss ich verständlich schreiben. Tue ich das nicht, verliere ich meine Leser.

Dasselbe gilt fürs Sprechen – vielleicht sogar noch mehr. Klar und verständlich muss die Rede sein, denn die Zuhörer müssen auf Anhieb verstehen, was gesagt wurde! Wer spricht, wer eine Rede hält, hat nur diese eine Chance: Beim Lesen kann ich zurückblättern, beim Zuhören nicht! Ob Regierungssprecher Steffen Seibert das wusste?

Verständlich sprechen und schreiben: Verneinungen sind irreführend

Am 22. November zitiert die Passauer Neue Presse den Regierungssprecher mit den Worten:

„Die Bundeskanzlerin und die Bundesregierung teilen den Glauben vieler, dass Eurobonds jetzt eine Art Allheilmittel für die Krisen wären.“

Ein mittellanger Satz, einfach in seinem Aufbau, unkompliziert. Erst erfährt der Zuhörer, wer etwas tut (die Bundeskanzlerin und die Regierung), dann erfährt er, was sie tun (sie teilen).

Eine feine Sache für den Zuhörer! Jetzt, da er Subjekt und Prädikat gehört hat, wiegt er sich in Sicherheit: Das Kind spielt, der Mond scheint, die Bundeskanzlerin teilt. Bleibt einzig noch zu erfahren, was das Kind spielt, wie oder wo der Mond scheint, was die Bundeskanzlerin teilt. Aber Pustekuchen!

Profi Steffen Seibert stellt seinen Zuhörern ein Bein! Denn natürlich hat er den Satz nicht so gesagt, wie ich ihn oben zitiere! Nein, Seibert begeht die Todsünde eines Redners: Mit einem kleinen Wörtchen am Ende des Satzes betrügt Seibert die Erwartung seiner Zuhörer! Mit einem kleinen Wörtchen ganz am Schluss lässt Seibert seine Zuhörer wissen: „Ihr seid mir egal!“

Was der Profi Seibert tatsächlich gesagt hat, ist:

„Die Bundeskanzlerin und die Bundesregierung teilen den Glauben vieler, dass Eurobonds jetzt eine Art Allheilmittel für die Krisen wären, nicht.“

Ganz große Redekunst!

Viel Spaß – und keine gute Zeit nicht!

PS: Entschuldigung! Hier der Hinweis, wie Seibert es hätte besser machen können (und sollen, also müssen):

„Die Bundeskanzlerin und die Bundesregierung teilen nicht den Glauben vieler, dass Eurobonds jetzt eine Art Allheilmittel für die Krisen wären.“

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Moin Moin,
    ich bin der Meinung, der Herr Seibert benutzt den Satzbau in diesem Fall absichtlich und nicht aus Versehen – als dramaturgisches Mittel, um die Satzspannung bis zum Ende zu halten. Denn die zuhörenden Journalisten wissen ja eigentlich bereits, dass unsere Frau Bundeskanzlerin den Glauben (..) vieler nicht teilt. Ihre Aufmerksamkeit wird jedoch hochgehalten, da die Verneinung eben NICHT im vorderen Satzteil erfolgt.

    viele Grüße

    Lars Hoffmann

  2. Vergleiche auch:
    Hans Dietrich Genscher verkündet die Einheit:
    „Ich bin heute gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass….“ Auch hier muss man bis zum Punkt warten, ob nicht noch eine Verneinung folgt.

  3. Hallo, Lars Hoffmann!

    Erst einmal herzlichen Dank für die Antwort – und eine Bitte um Nachsicht für meine späte Antwort: Ich gehe manchmal etwas nachlässig mit diesen Dingen um …

    Zu Deinem Einwand. Dass man bis zum Punkt warten muss, entkräftet ja nicht meinen Vorwurf: In dem von Dir gewählten Beispiel ändert sich die Aussage nicht. Das heißt: Der Zuhörer wird nicht in seiner Erwartung „betrogen“. Ganz anders beim Regierungssprecher: Erst mit dem allerletzten Wort erfährt der Zuhörer, dass etwas konträr anders ist, als er bis dahin vermuten durfte. Und das macht schon einen dramatischen Unterschied – zumindest im Verstehenkönnen.

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