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Komma bei Aufzählungen

Das Komma gleicht einem Kobold. Winzig ist es und frech, sein Einsatz entscheidet über Witz oder Wahrheit.

Manchmal ärgert mich dieser Kobold und quält mein Hirn. Dann leuchtet mir nicht ein, was der Unterschied ist zwischen dunklem bayerischem Bier und dunklem, bayerischem Bier. Zumindest empfinde ich, dass Duden ein besseres Beispiel hätte wählen können für die Frage: Wann steht bei Aufzählungen ein Komma?

Das Komma bei Aufzählungen

Das Folgende ist ein kleines bisschen kompliziert. Zwar habe ich mich um Einfachheit und Klarheit bemüht, bin mir aber nicht sicher, ob mir das gelungen ist.

Auf spektrum.de fand ich folgenden Satz:

Im Grab des Pharaos Tutanchamun könnten sich noch weitere, bislang unbekannte Kammern befinden.

Der Satz ohne Komma in der Aufzählung

Es ist, wie gesagt, kompliziert; und um es zu vereinfachen, schaue ich erst einmal auf die Version, die der Autor nicht geschrieben hat: die Version ohne Komma.

Wenn der Autor das Komma weggelassen hätte („… könnten sich noch weitere bislang unbekannte Kammern befinden“), hieße das: Man hat eine Kammer gefunden, die man bisher nicht kannte, und vermutet, dass es weitere Kammern gibt; die Existenz der jetzt gefundenen Kammer lag bisher im Verborgenen.

Version ohne Komma bedeutet: Gerade eben hat man eine geheime Kammer gefunden (also eine, die man bisher nicht kannte), und es werden weitere vermutet.

Version mit Komma bedeutet: Bisher kannte man (mindestens) eine Kammer – weitere werden aber vermutet. Diese „Vermutung“ apostrophiert der Autor als „geheim“, und es wird sein Geheimnis bleiben, was er uns damit sagen möchte.

Jetzt aber wird es interessant: Schreibt der Autor denn überhaupt, was er sagen wollte?

Das Komma zwischen weitere und bislang macht klar: Im Grab des Tutanchamun werden geheime Kammern vermutet. Und das könnte eine Sensation sein, denn bisher kannte man nur eine Kammer! Das ist es, was das Komma sagt: Bisher hat man noch keine „geheime“ Kammer entdeckt! Würde man eine entdecken (und die Forscher vermuten, dass es mindestens eine solche Kammer gibt), wäre es die erste ihrer Art.

Redundanz: Gefahr mangelnder Präzision

Der Autor wählt den Konjunktiv „könnte“ und deutet damit an, dass eine Möglichkeit besteht. Er teilt uns aber auch einen Fakt mit, auch wenn ihm das nicht bewusst sein mag: dass er liederlich schreibt, nachlässig, zumindest aber unkonzentriert.

So wie ihn der Autor formuliert hat, wäre der Satz bereits vollständig, wenn er geschrieben hätte:

Im Grab des Pharaos Tutanchamun könnten sich weitere Kammern befinden.

Damit wäre alles gesagt, doch der Autor hat es vorgezogen, Blödsinn zu schreiben. Und er stiftet noch mehr Verwirrung mit seinem kleinen, harmlosen Satz.

Mit dem Einsatz des Konjunktivs „könnte“ (könnte sich befinden) ist klar, dass die Kammern momentan nicht bekannt sind, andernfalls wäre es sicheres Wissen, und für sicheres Wissen verwenden wir den Indikativ: „Im Grab befinden sich weitere Kammern.“

Der Autor will uns also einreden, dass man a) nicht weiß, ob noch weitere Kammern existieren („könnten“), man aber b) vermutet, dass es sie gibt. Er raunt – ein Tonfall, der bei Harry Potter gut aufgehoben sein mag, nicht aber in einer populärwissenschaftlichen Zeitschrift mit Anspruch.

Und dann wirft uns dieser Autor auch noch Nebelbomben ins Hirn: Diese Kammern, von denen man nicht weiß, ob sie wirklich vorhanden sind, deren Existenz einige Wissenschaftler bloß vermuten, schreibt er – sie sind, tata! bislang unbekannt. Ja, ist es denn die Möglichkeit?

Man könnte sich amüsieren über die Dünnbrettbohrerei eines Autors. Man könnte seufzen über seine Unfähigkeit. Eigentlich aber müssen wir alarmiert sein über einen Autor, der das populärwissenschaftliche Umfeld und die Reputation eines Magazins nutzt, um gequirlten Quark zu schreiben.

Mein Eindruck: Jemand, der so schreibt, geht fahrlässig um mit Wahrheit und Lüge. Und damit wird es politisch, weswegen ich wieder und wieder auf die Sätze von Konfuzius hinweise.

Fazit

Das Komma gleicht einem Kobold. Winzig ist es und frech, sein Einsatz entscheidet über Witz oder Wahrheit. Und somit ist es machtvoll.

Wenn aber etwas oder jemand Macht besitzt, wird es oder er bzw. sie potentiell gefährlich – das Komma ein Hebel, die Welt aus den Angeln zu heben?

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