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Lob und Trug. Das Testimonial bei Büchern

Die Werbung nennt es Testimonial, wenn Menschen ein Produkt loben. Je bekannter der Mensch, desto wertvoller seine Meinung. Beispiel gefällig?

Der stern* schreibt, Radfahrer Jan Ullrich habe während seiner Laufbahn 50 Millionen Euro verdient; das ist Ullrich nicht allein durchs Strampeln gelungen. Die Industrie bezahlt einfach sagenhaft viel für Lob aus prominentem Mund.

Wenn Kollegen fürs Lob berufen erscheinen

Nun ist das mit dem Lob so eine Sache. Meistens äußern sich Promis zu Dingen, von denen sie so viel verstehen wie meine Nachbarin, die ihre Katze am Band spazieren führt. Als Boris Becker mit damals neuer Atemtechnik staunte, wie einfach das sei, der Zugang zu AOL, hoffte zwar jeder, dem möge so sein; wahrscheinlicher aber war, dass Herr Becker keine Ahnung hatte, wie man einen Internetzugang einrichtet.

Der Unterschied zwischen Promi und meiner Nachbarin also ist: Meine Nachbarin würde wahrscheinlich die Wahrheit sagen – der Promi sagt, was man ihm vorgeschrieben hat. Nur bei einem einzigen „Produkt“ habe ich regelmäßig das Gefühl, es könnte sich um die wahre Überzeugung des Lobenden handeln: wenn Autoren in Klappentexten von Büchern ins Schwärmen geraten über das ihnen vorliegende Buch, das ein anderer geschrieben hat.

Regelmäßig ist ein Euphemismus für „alles andere als immer“. Meist bleibt der Verdacht, beim Lob des einen für den anderen Autor handele es sich um eine Gefälligkeit. Gekauft, bezahlt, vergessen. Oh, wie so trügerisch …

Drauf gekommen bin ich letzten August, also vor ein paar Tagen. Da lese ich auf der Rückseite des Buches „Ehrensache“ von Michael Connelly folgenden, wohl als Lob gemeinten Satz:

»Connellys Harry-Bosch-Serie zählt mit Abstand zu den besten Polizeithrillern der Gegenwart.«

Der Satz stammt von der in diesem Sommer 80 Jahre alt gewordenen Joyce Carol Oates. Oates ist alles andere als ein Leichtgewicht in der Literaturszene, und deswegen habe ich so meine Zweifel, ob dieses Testimonial wirklich von ihr stammt. Ich störe mich an „zählt mit Abstand“. Und zwar deshalb:

Oates schreibt nicht: „Die Harry-Bosch-Serie ist die beste Serie innerhalb der Polizeithriller.“ Sie schreibt auch nicht: „Die Serie gehört zu den besten innerhalb der Polizeithriller.“ Sie schreibt: „Sie zählt zu“ (gehört also zu den besten ihrer Art) – und zwar „mit Abstand“! Innerhalb der besten gibt es einen Abstand? Wo denn, bitte schön? Davor oder dahinter? Verratet mir bitte, was dieses „mit Abstand“ in dem Satz verloren hat!

Ich mag mir nicht vorstellen, dass das einer Joyce Carol Oates nicht aufgefallen sein soll.

*Stern Nr. 36/2018

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Völlig wahr, völlig richtig, lieber Johannes.

    Mich ekelt es arg, wenn ich A-, B- oder C-Promis dabei zusehen muss, wie sie irgendeinen überflüssigen Unsinn als segensreich und weltbewegend loben.

    Wohl wissend, wie viel Geld da im Spiel ist. Wohl wissend, dass der gleiche Mensch einen Tag später einen anderen überflüssigen Unsinn eines Konkurrenten als noch segensreicher und noch weltbewegender preist. Sofern dessen Hersteller bereit ist und willens, drei Euro fuffzig mehr zu bezahlen als der Vorgänger.

    Vermutlich muss der Aufnahmeleiter im Off dem Märchenerzähler vor der Kamera kurz vor der Aufzeichnung nochmal soufflieren, wie Produkt und Hersteller eigentlich heißen. Auf dass keine Peinlichkeit passiere.

    Besonders unappetitliches Beispiel: Jürgen Klopp, der mit der ausgelutschtesten Geste Werbung macht, die sich denken lässt. Dem beliebten aber längst peinlichen Daumen nach oben. Dazu serviert Klopp ein extrem breites und extrem künstliches Strahlen mit extrem künstlichen Zähnen.

    Wofür Klopp Werbung macht? Ganz ehrlich, ich weiß es nicht. Und würde eventuell schwören, aber keinesfalls wetten, dass Klopp selbst es weiß.

    Übrigens wird das „Testimonial“ im Deutschen gern falsch gebraucht: Das Testimonial ist tatsächlich ein Zeugnis. Kein Zeuge, keine Zeugin. Gern werden im Deutschen aber die „Zeugnis“ ablegenden Personen als „Testimonial“ (Testimonialin?) bezeichnet.

    Was, mit Verlaub, natürlich ein Vergehen darstellt, dessen Tatbestand im deutschen Rechtswesen – leider – abgeschafft worden ist: Grober Unfug.

  2. Du musst es nicht bedauern, denn der „grobe Unfug“ (so schön er sich liest, so viel Raum er schafft für Phantasien von übermütigen Lausbuben), er ist ersetzt worden durch die Formel „Belästigung der Allgemeinheit“. Ich finde diese Formel schon eines königlich-bayerischen Amtsgericht für würdig und würde mir eine Bewertung des Paragrafen 118 OWiG durch Thomas Fischer wünschen, denn natürlich kann die „Belästigung der Allgemeinheit“ nur ein Schattendasein führen und darf nicht ganz ernst genommen werden. Anderenfalls müssten 98 Prozent der gegenwärtigen Musikproduktion sanktioniert und etliche Regierungsmitglieder abgelöst werden. (Needless to say: von Frauen, die frei auf der Straße laufen einmal ganz abgesehen.)

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