Ich weiß gerade nicht, ob ich bloß seufzen oder mich erregen soll.
Dass Helmut Schmidt sterben würde, war abzusehen. Dass die ZEIT (jener Ort, wo Schmidt in den letzten 35 Jahren viel Zeit verbrachte) am Tag danach ein 28-seitiges Dossier über ihn heraushaut, war vorstellbar, denn der Nachruf ist das einzige Stilmittel, mit dem Zeitungen beweisen können, dass sie vorausschauen.
Dass sich aber nun Hinz und Kunz erlauben, Schmidt zu zitieren, das bereitet mir Kummer der Sorte „Seufz“ bis „Erregung“.
Mit Zitaten biedern sich Facebookler an, mit Zitaten suggerieren sie eine Nähe, die sie nie hatten. Sie verwenden den Toten und manche seiner Aussagen für die eigene Sprachlosigkeit (wie das eben so ist bei Zitaten), und sie sind sich nicht zu blöde, ihn, Helmut Schmidt, entweder gründlich misszuverstehen oder für ihre spezifischen Zwecke zu missbrauchen oder ganz allgemein wie Klageweiber über den Jahrmarkt zu schreien, die Hände erbebend neben die Augen halten. Bevor die Gender-Isten pöbeln: Natürlich gibt es auch männliche Klageweiber.
Wie haltet ihr’s? Seufzt ihr oder erregt ihr euch?
Für peinlich halte ich vor allem, H,-D. Genscher um einen Kondolenzeitrag zu bitten als „Weggefährten“,wie heute früh im ZdF-Moma: Ich habe der FdP nie verziehen, dass sie Verrat an ihm begingen und aus der Koalition mit ihm zu Kohl überwechselten, der uns dann 16 Jahre lang beschert blieb. Die oft geteilte Süddeutschen-Zeitungs-Todesanzeige halte ich auch nicht für so glücklich: ich hatte die Assoziation, das Helmut Schmidt nun „verraucht“ ist – das kann nicht Intention gewesen sein.
Na ja, ob das peinlich ist nach dreißig Jahren, das sollen Elefanten entscheiden mit ihrem Gedächtnis. Das Leben lehrt: Bei jeder Trennung sind die Partner einander hilfreich.
Du hast, wie du schreibst, der FDP „nie verziehen, dass sie Verrat an ihm begingen …“ – so viel Unversöhnlichkeit erschrickt mich, das ist nicht meine Welt.
Danke für deine Anmerkung.
Wie ich gestern in einer der Sondersendungen gesehen hab, hat er der FDP den Stuhl vor die Tür gesetzt. Das hat er selbst so geäußert. Gerade jetzt bräuchten wir einen Staatsmann wie ihn. Aber wie heißt es in einem Lied von Trude Herr: „Niemals geht man so ganz, irgendwas von dir bleibt hier …“
Ein großer Staatsmann hat sein Universum verlegt! Hoffe, dass die Erben ein klein wenig seiner Größe gerecht werden und nicht noch weiter seine Ziele veramschen!