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Royaler Wahnsinn zeigt finale Konturen

Sehr geehrte Damen und Herren!

Ich danke Ihnen für Ihr Erscheinen und die Absicht, mir zuhören zu wollen. Mein Vortrag trägt den Titel:

Halte dich zurück beim Einsatz von Adjektiven! 

Mein Vortrag führt Sie ins Zentrum des Gebrauchs von Hohlheit, dem Aufplustern von Nomen, dem Missbrauch von Bilderrahmen. Es geht um die Sucht jener Schreiber, die meinen, das Nomen an sich sei blass, sei nichtssagend, sei leer und gehandicapt und bedürfe, um geschrieben zu werden, einer Stütze. Einer Stütze durch ein Adjektiv. Ich halte das für pathologisch, und! – ich halte das für eine Ausrede. Wer Nomen, wer Substantiven ein Adjektiv vorausschickt, sollte es halten wie ein Alkoholiker auf Entzug: „Heute nicht – wenigstens heute nicht!“

Verwende Adjektive wie der Alkoholiker seinen Stoff – am besten gar nicht!

Ich kenne jeden Einwand gegen diese Empfehlung. Und ich seh’ sie schon wieder vor mir, jene Schreiber, die sich um nichts auf der Welt etwas verbieten lassen wollen. Die hinter jeder sie einschränkenden Empfehlung Zensur wittern. Jene, die Kunst reklamieren, aber das Handwerk nicht beherrschen. Die den Mund aufreißen, obwohl sie den Griffel nicht führen können. Die … stopp! Bevor sich jetzt jemand persönlich angegriffen fühlt, will ich meine selbst gebaute Rampe in den Emotionshimmel wieder abbauen und zur Sachlichkeit zurückkehren, zur Empfehlung:

Halte dich zurück beim Einsatz von Adjektiven!

In Passau wird sonntags ein Anzeigenblatt veröffentlicht, das mit Mitteln des Boulevards so tut, als sei es Zeitung. Über die hohe Kunst des Boulevards soll hier nicht berichtet werden wie auch nicht darüber, dass Redakteure in der Am Sonntag Aufgaben übernehmen, die im Journalismus immer ein „Geschmäckle“ aufweisen: Sie schreiben Anzeigentexte für Werbekunden.

Am Sonntag; # 29; 21. Juli 2013

Der Screenshot zeigt eine Anzeige, der Text ist mit (ck) unterzeichnet; mit (ck) sind bei der Passauer Neuen Presse, einem anderen Organ aus dem Hause Verlagsgruppe Passau, die Beiträge eines dort angestellten Redakteurs markiert. So weit, so schlecht. Was macht diese Anzeige für mein Anliegen so bemerkenswert?

Zusammengefügt, was nicht zusammengehört

Kann mir, sehr geehrte Damen und Herren, bitte mal jemand erklären, was „finale Konturen“ sind? Und ich meine jetzt „erklären“ – nicht „erläutern“, was (ck) gemeint haben mag, als er die Missgeburt „finale Konturen“ in die Druckmaschine entlassen hat.

Kontur ist ein schönes, altes Wort. Es bezeichnet einen Umriss, genauer: eine Umrisslinie. Im übertragenen Sinn wird Kontur benutzt, um anzudeuten: Etwas wird erkennbar, ein Bau, ein Buch, eine Absicht, eine Schwangerschaft.

Wenn sich der Umriss auf ein einziges Sujet bezieht (Schwangerschaft, Absicht, Buch oder Bau), bringt bereits der Plural „Konturen“ eine Unschärfe ins Spiel. Aber hier bewege ich mich auf sehr dünnem Eis und will deshalb nicht auf der Verwendung des Singulars bestehen; höchstens möchte ich sensibilisieren für den Unterschied.

Der Autor hätte schreiben können: „Quartier Mitte nimmt Kontur an“. Alles gesagt, nur nicht ganz so umfassend wie „Konturen“; dafür aber knapper und „knackiger“. Mit „Kontur“ hätte er also auch dem gerne gestellten Anspruch an Headlines und der Aufforderung an Redakteure Genüge geleistet, doch, bitteschön, zügig auf den Punkt zu kommen – eben „knackiger“ zu sein.

Ich komme zu Punkt 2, der Verwendung des Adjektivs „final“, und ich gestehe, es hat mich geschüttelt, als ich die Überschrift zum ersten Mal las. „Finale Konturen“. Ich ahne, was (ck) meint – aber ich verstehe es nicht.

„Final“ hat zwei Bedeutungen: das Ende oder den Schluss von etwas bildend (1) oder die Absicht bzw. den Zweck betreffend (2). Bilden also die Umrisse, von denen (ck) spricht, das Ende des Bauprojekts „Quartier Mitte“?

Umrisse, Konturen, sind doch etwas Vages, ganz bestimmt nicht sind sie die Sache selbst. Aus dem Umriss kann ich auf die Sache rückschließen, mehr aber ist nicht.

Wenn der Autor mitteilen will, dass das Bauprojekt in seine Schlussphase (final) gelangt, dann soll er das sagen. Diese Worthülse „finale Konturen“, der falsche Einsatz bereits falscher Wörter – das ist zwar einerseits der Quell, aus dem ich Material schöpfe für meinen Blog, es ist aber auch irritierend, um nicht zu sagen beschämend, mit welch leichter Hand hier geschrieben wird.

Oder um es anders zu formulieren: einfach Wahnsinn, mit welch bescheidenen Mitteln man heutzutage bereits in der Zeitung veröffentlicht wird!

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und möchte Ihnen zum Schluss noch Schmunzelstoff für den Heimweg mitgeben. Der Screenshot stammt vom 23. Juli 2013, und er belegt, dass die Allianz von Substantiv und Adjektiv nicht nur in Sonntagsblättern gepflegt wird, sondern auch in Wochenzeitungen.

Und deshalb sei jedem, der schreibt; jedem, dem seine Leser am Herzen liegen, selbst ans Herz gelegt, was Georges Clemenceau gesagt hat, Zeitungsverleger und später französischer Minsterpräsident:

„Bevor Sie ein Adjektiv hinschreiben, kommen Sie zu mir in den dritten Stock und fragen, ob es nötig ist.“ (zitiert nach Wolf Schneider, Deutsch für Kenner, 1988)

Viel Spaß – und eine gute Zeit! (Entschuldigen Sie den Einsatz des Adjektivs; es ist aufrichtig gemeint)
falsches Adjektiv

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