Ich hab’s ja schon geschrieben, was es mit den Adjektiven auf sich hat. Dass sie der Unterscheidung dienen und der näheren Beschreibung. Journalisten machen in aller Regel mehr daraus, zum Schaden der deutschen Sprache. Ein Beispiel aus einer meiner Lieblingsspaßlektüren – wieder mal ein Beispiel aus der in Passau wöchentlich erscheinenden Am Sonntag.

Grober Schnitzer auf Muttis Kosten

Wenn ich „mütterlich“ höre, geht mir das Herz auf. Mit mütterlich verbinde ich Wörter wie Aufopferung, Fürsorge, Güte, Hingebung, Zärtlichkeit, Liebe. Ein Redakteur der Am Sonntag scheint andere Erfahrungen mit Mutti gemacht zu haben, ihn begleiten andere Assoziationen, er nennt seinen Artikel vom 9. Dezember 2012 „Mütterliche Selbstjustiz an der Grundschule“. Muss man ihn trösten?

Vielleicht sollte ich ihn auf das Zitat der englischen Schriftstellerin George Eliot aufmerksam machen, das auf derselben Seite rechts steht: „Es ist nie zu spät, der zu werden, der du hättest sein können.“

Zum Beispiel ein besserer Schreiber.

Viel Spaß – und eine gute Zeit!

6 Kommentare

  1. Da möchte ich aber entschieden widersprechen!

    Natürlich ist das Wort „mütterlich“ hier falsch, weil es genau die genannten Assoziationen hervorruft und damit in scharfem Kontrast zum Geschehen steht.

    Aber genau weil das Wort dort so offensichtlich fehl am Platze ist, wurde es gewählt – und zwar berechtigterweise. „Mütterlich“ und „Selbstjustiz“ stehen in starkem Gegensatz zueinander und sind deswegen in ihrer Kombination hervorragende Aufmerksamkeitserreger. Fast ideal für eine Zeitungsschlagzeile, der Hauptaufgabe es nunmal ist, Aufsehen zu erregen, Interesse zu wecken.

    Es ist eine Variation von „Mann beißt Hund“. Und damit im Schlagzeilenkontext nicht nur korrekt, sondern sogar ziemlich gut.

  2. Da möchte aber nun ich entschieden widersprechen!

    „Mütterlich“ ruft nicht nur Assoziationen wach, sein Sinn ist, wenn ich seine Synonyme betrachte, eindeutig „gewaltfrei“, ums mal plakativ zu umschreiben.

    „Mütterlich“ kann also höchstens ironisch gemeint sein, was bei Schlagzeilen immer kritisch ist, denn die Ironie erschließt sich nicht auf Anhieb. Ich stelle darüber hinaus ganz entschieden in Abrede, dass der Redakteur mit Absicht diese Diskrepanz gewählt hat – so sind die nicht drauf bei der Am Sonntag. Weder können die Ironie noch feine Schlagzeilen drechseln. Auf eine Alternative a la „Mutti schlägt zu“ kommen die nicht (halb so lang und mindestens genauso stark).

    Merke: Nicht alles, was beißt, ist eine Schlagzeile! 😉

    Danke für Ihren Beitrag, lieber Dirk!

  3. Lieber Johannes;

    Sprache lebt und ändert sich – oft nicht zu ihrem Vorteil. Du gehst hier von den traditionellen Assoziationen zu mütterlich aus, wie von Dir beschrieben. Aber ich gebe Dirk recht: Ich behaupte, die Redakteure haben dies bewusst so gewählt, auch um gleich ihre Meinung in der Schlagzeile immanent zu verstecken, nämlich, dass sie damit signalisieren, auf der Seite der Mutter seien. Ob das gut ist, Meinugn gleich in eine Schlagzeile zu setzen, ist hier nicht die Frage.
    Was Schlagzeilen im Journalismus bedeuten und bedeuten sollen, brauche ich ja hier nicht auszuführen. Man denke nur an das legendäre „Wir sind Papst“, wobei sich dir da wahrscheinlich auch der Magen umdrehte, wenn Du es rein grammatikalisch betrachtet. Aber es ist zum genialen geflügelten Wort geworden.
    Auch die Bedeutung von Adjektiven unterliegt dem Sprachwandel – man
    denke nur an die Beispiele „geil“ durch Anwendung im Jugendjargon oder an „kritisch“, das immer mehr (fälschlicherweise gegenüber dem Ursprung) nur einseitig negativ gesehen wird. Und so weiter.
    Gruß
    G.H.

  4. Liebe Garbriele, vielen Dank für deinen Beitrag zur Diskussion!

    Darf ich weiterhin dagegenhalten, ohne deshalb gleich als rechthaberisch oder verstockt bezeichnet zu werden? Das wäre nett, und ich fange mit einem Nebenaspekt an, den der Einschätzung der Redakteure. Ich weiß nicht und mag auch nicht vermuten, was der Redakteur bei der Titelei vor Augen oder im Kopf hatte; das führt nicht weit. Die Erfahrung zeigt: Die Redakteure der Am Sonntag versuchen Boulevard und hinterlassen dabei oft genug einen peinlichen Eindruck. Allein daraus schließe ich, sie können’s nicht, den Boulevard.

    Du erinnerst an „Wir sind Papst“. Du hättest genauso gut auch noch das zur gleichen Zeit entstandene „Schwarz – rot – geil“ nennen können. Beide Zeilen aus der BILD, beide großartig. Warum glaubst du, mir dreht sich da der Magen um? Ich bemängele ja nicht die Grammatik, zudem ist „Wir sind Papst“ so korrekt oder so inkorrekt wie „Wir sind Weltmeister“, nicht wahr?

    Dass Sprache einem Wandel unterliegt ist ja nun ein Gemeinplatz; aber nicht jeder Missgriff kann oder darf damit gerechtfertigt werden. Wer bei „mütterlich“ nicht nur die Wärme mithört, sondern„zur Mutter gehörig“, bereichert die Sprache nicht, er macht sie ärmer. Ich erinnere mich an ein Seminar bei Wolf Schneider (by the way, lieber Dirk: Welche Position würde Schneider hier vertreten, was glauben Sie?), in dem Wolf uns Teilnehmern den Gebrauch von Adjektiven um die Ohren schlug. Mit Recht!

    Ich halte im Sinn einer effektvollen Schlagzeile „Mutti schlägt zu“ für stärker! Sie ist kürzer und erfüllt damit schon einmal ein wesentliches Kriterium einer Headline. Und ich werde „mütterlich“ weiterhin ausschließlich als Synonym verwenden für besorgt, fürsorglich, gütig, hingebungsvoll, liebevoll.

  5. Darf ich da auch noch mal darauf antworten? Du hast recht, wenn Du allgemein gegen die Adjektivierung bist – ein Unding. Ich bin da durch eine gute Schule gegangen mit meinem Doktorvater, der auch in der wissenschaftlichen Arbeit darauf achtete (der war ja nicht von ungefähr Mitglied des Residenzverlages).
    Und klar, Du kennst die Redakteure dort besser. Lass´ Dir auch Deine Beschreibung von „mütterlich“ nicht nehmen. Aber es gibt einen Beigeschmack und immer zwei Seiten einer Medaille, wenn das „fürsorglich“ zum „Bemuttern“ wird, wenn es zu „Krakenmüttern“ führt, wie ich es nenne, wenn Mütter nicht loslassen können.
    Schönen Dreikönigssonntag noch!
    Gabriele

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