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Als Können getarnte Beliebigkeit

  • [su_heading]Fasziniert sitzen wir vor den geöffneten Panoramafenstern und erleben die maritime Sinfonie der Fernwehsignale vorbeiziehender großer Schiffe.[/su_heading]

Was für ein Satz! Gespreizt und gockelhaft in seiner Fülle an Attributen und Adjektiven. Überengagiert, überdreht.

Und heimtückisch, auch wenn das jetzt ein kleines bisschen eine polemische Wertung ist. Heimtückisch deshalb, weil der Satz dem Leser vorgaukelt, was er nicht oder nur mangelhaft leistet: die Beschreibung einer Szenerie. Er protzt, der Satz, und außer Schwulst teilt er nichts mit.* Der Reihe nach.

  • Fasziniert. Dieses Wort eignet sich als Fazit, nicht aber als Einstieg; fasziniert sagt an dieser Stelle gar nichts oder Lächerliches. Wie sieht „fasziniert sein“ denn aus, welches Bild soll es in mir wachrufen? Heruntergeklappte Kinnladen etwa? Oder Augen im Atropinrausch? Die Stille einer Ostermette? Ick weß et nich. Und der Autor verrät es mir nicht, auch nicht in dem, was nun folgt. Der Autor will nur (ok, das ist jetzt eine Unterstellung und wird vor Gericht nicht verwertet) Stimmung machen, die Bühne bereiten für ich-weiß-noch-nicht. Mal schau’n.
  • Geöffnete Panoramafenster. Immer verfolgt die Arbeit als Reiseautor, als Essenstester, Journalist, Texter, Autor, Schriftsteller eine Absicht. Die Arbeit informiert, oder sie erzeugt Stimmung und Gefühle; im besten Falle leistet sie beides. Um das, beides, zu erreichen, dafür gibt es Techniken, die mir helfen, mehr zu sagen als die bloße Schilderung des Gegebenen wie „geöffnete Panoramafenster“.Was mir an dieser Stelle fehlt, was ich vermisse:
  • die Umgebung. Also die Antwort auf die Frage: Wo befinde ich mich? (Ein Vorschlag: Das Café ist noch wenig besucht. Ein Rentner sitzt draußen auf der Terrasse und bröselt seinem Hund Kuchenreste vor die Schnauze.)
  • Wind und Wetter. Wie fühlt es sich an, dort, wo der Autor mich hinführen möchte? (Ein Vorschlag: Eine kurze Brise drängt zwischen Tisch und Decke, hinter den geöffneten Panoramafenstern klappert Geschirr, teilen zwei Kellnerinnen den Small-talk des Tages./)
  • maritime Sinfonie. Gibt es das Gefühl stützende Beobachtungen? Ganz offensichtlich will uns der Autor mitteilen, dass er etwas hört: eine Sinfonie. Also den Zusammenklang von Instrumenten. Denkt er nun, der Autor, an Beethoven oder an Monteverdi? An Bombast oder Barock? An con brio oder an dolce e amabile? Er verrät es uns nicht, aber er schreibt: maritim. WTF is „maritime Sinfonie“? Warum erlebt er sie, statt sie zu hören, wie ich es bei einer Sinfonie erwarten würde? Hier werden Stilebenen vermischt – und ich wette, der Autor hat sich selbst auf die Schulter geklopft für die erlebte maritime Sinfonie, die ihm eingefallen ist.
  • Fernwehsignale. Hoppla, das kam jetzt aber überraschend. Mir gefällt das Wort, seine Resonanz. Doch wird die Resonanz auch in die richtige Richtung gelenkt? Immer wieder die Frage: Was genau will der Autor mitteilen? Hier bin ich auf Vermutungen angewiesen; auf die Vermutung (also erneut auch: Unterstellung), dass von Schiffen und der mit ihnen assoziierten maritimen Sinfonie eine Art Fernwehsignal ausgeht.
  • vorbeiziehende große Schiffe. Wenn ich das recht verstehe, dann tut sich was vor den Augen des Autors. Große Schiffe ziehen vorbei. Ziehen Sie über den Fluss oder übers Meer oder über einen See? Reden wir von Segelschiffen, von Frachtcontainern, Kreuzfahrtschiffen, Tankern, Fährbooten? Wie groß ist groß? Sind sie alle gleich groß? Der Autor verliert kein Wort darüber.

Leider lässt er mich im Stich; mich den Leser. Sein Publikum. Sein wichtigstes Ziel und der Grund, warum er schreibt. Nein, er macht’s nicht wegen des Geldes, denn das Geld bekommt er ja nur, weil es Menschen gibt, die lesen wollen – also mich zum Beispiel. Schriebe er des Geldes wegen, dürfte ich ihn zynisch nennen, denn er giert nach meinem Geld und bleibt die Leistung schuldig.

Und das (Achtung, jetzt kommt sie, die korrekte Verwendung des ersten Wortes), das finde ich alles in allem: faszinierend!

* Der Artikel mit dem von mir analysierten Satz scheint mittlerweile nicht mehr im Netz zu sein – ich bin vor etlichen Jahren über ihn gestolpert, habe ihn heute aber nicht mehr finden können.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: Webmasterfriday: Der eigene Schreibstil im Blog | Jaellekatz

  2. Wie schön: da bin ich jemandem aufgefallen.

    liebe grüße!

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