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Neues vom weiblichen Orgasmus

„Glücklicherweise wissen wir, dass das totaler Bullshit ist. Frauen können genauso viele Orgasmen haben.“ (hier der Originalbeitrag)

So lese ich es auf ze.tt, eine Art Spin-off von Zeit-Online. Die Nachricht finde ich nun nicht sooo sensationell. Oder hat es irgendjemandem da draußen gefehlt, zu wissen, dass „Frauen können genauso viele Orgasmen usw.“? Siehste!

Es folgt ein Aber. Ein ganz großes Aber …

Verräterische Wortwahl

Die Autorin schreibt „glücklicherweise“. Sie will mir weismachen, dass das „neue“ Wissen eine bessere Form des Wissens ist, eine irgendwie glücklicher machende Form.

Solange ich nicht weiß, was dieses „alte“ Wissen ist, kann ich nicht beurteilen, ob mich das neue Wissen glücklicher macht. Ich muss zurücklesen, was sie meint, ich muss zurückblättern. Einen ganzen Absatz, an den Anfang des Artikels:

„Das Problem mit dem weiblichen Orgasmus: von vielen diskutiert, besonders gern von Männern und am meisten wahrscheinlich von Freud. Der ging sogar soweit, Orgasmen in minderwertige und höherwertige aufzuteilen. Selbstverständlich ist der Orgasmus durch Penetration der hochwertigere – wer hätte es auch anders erwartet? Wie sollten Frauen denn ohne einen Penis – also Mann – Orgasmen haben können?“

Ein langer Anlauf, um auf „glücklicherweise“ zu landen. Ein langer Anlauf, bei dem ihr die Puste ausgeht und bei dem sie sich im Gestrüpp verhakt. So springt sie nur kurz, die Autorin, und knallt, volle Fresse, auf die Piste.

Mutig ist sie, die Autorin. Sie hebt an mit einer Behauptung. Aber ist es wirklich das Problem mit dem weiblichen Orgasmus, dass er „von vielen diskutiert [wird; der Autor], besonders gern von Männern und am meisten wahrscheinlich von Freud“?

Dann baut die Autorin eine Brücke, eine Art Überleitung:

Der [gemeint ist Freud; der Autor] ging sogar soweit, Orgasmen in minderwertige und höherwertige aufzuteilen

… und sie folgert:

Selbstverständlich ist der Orgasmus durch Penetration der hochwertigere – wer hätte es auch anders erwartet?

Bitte beachtet an dieser Stelle den Einsatz der Steigerung, des Vergleichs: höherwertig vs. hochwertige.

Innerhalb von drei Sätzen entwirft die Autorin ein diffuses Szenario („das Problem“), schilt ad personam und ad genus (Freud und Männer), hat sie einen Sockel errichtet, auf dem sie mit Floskeln ihren Standpunkt zementiert: „besonders gern“, „am meisten wahrscheinlich“, „sogar soweit“, „wer hätte es auch anders erwartet“, „wie sollten denn … ohne einen Penis“.

Sind Sockel und Standpunkt wirklich fest? Der Autorin kommen Zweifel, sie pumpt mehr Zement ins Fundament, sie stellt eine rhetorisch gemeinte Frage (der Konjunktiv deutet es an):

Wie sollten Frauen denn ohne einen Penis – also Mann – Orgasmen haben können?

Haha! Da klatscht sich frau auf den Petticoat und zwitschert ein zweites Glas Prosecco. Die Stimmung ist prächtig, aber noch immer nicht erfährt der Leser (erfährt die Leserin), worum es eigentlich geht. Statt dessen ein Resümee des bisher Gesagten; es folgt eine Einmischung der Autorin, eine Suche nach Einklang mit uns, ihren Lesern. Die Autorin will, ja sie muss weg vom diffusen Beginn und ihren Behauptungen; sie muss auf den Boden, zu den Tatsachen, in die Seriosität – und so bläst sie die Fanfare und schart Petticoat und Prosecco ums Lagerfeuer: „Glücklicherweise!“

Mein Resümee

Das „Problem“ in jenem Artikel leuchtet auf in dem Wörtchen „glücklicherweise“. Die Autorin will nicht informieren, sie will uns eine Meinung mitteilen, ihre Meinung. Sie sabbert und brabbelt, und dünne Suppe fließt aus ihrem Mundwinkel. Wiederkäuer behalten das Essen wenigstens bei sich; die Autorin aber hat sich nicht beherrschen können: Sie hat einen Artikel gelesen. Sie hat den Artikel wiedergekäut, sie hat alles Gehaltvolle zerstoßen bis zur Unkenntlichkeit und es schließlich abgesondert auf ze.tt. Hier der Link zur Vorlage: http://www.taz.de/!5384318/– erschienen am 27. Februar 2017.

Sie hat keine Haltung, also bastelt sie sich eine. Sie hat keine Meinung, nur eine Ahnung davon, was ihre Meinung sein könnte. Was sie weiß: Es ist richtig schwer, eine eigene Meinung in Worte zu fassen. Also sucht sie nach einem vermeintlich leichten Weg, einem, auf dem sie hofft, Gleichgesinnte zu treffen und Zujubelnde – sie greift zu ironisch gedachten Floskeln. Dumm nur: Sie macht uns nicht darauf aufmerksam, und eh wir Leser uns versehen, stecken wir in der Gülle aus Kuhdung, Pferdemist und Schweinepisse: in ihrer Mischung aus Fakten und Meinung.

Die Autorin hat „glücklicherweise“ geschrieben; das war das verräterische Wort. Die besten unter uns raten seit Jahrhunderten: „Nutze ein Adverb nur, wenn es wirklich erforderlich ist oder tatsächlich mehr berichtet!“ (Dasselbe gilt für Adjektive.)

Die Autorin hat die Unsitte übernommen, einen anderen Beitrag zu paraphrasieren – ohne darauf hinzuweisen; sie käut wieder. Es wäre mir entgangen, hätte sie nicht „glücklicherweise“ geschrieben.

PS: Ebenfalls Bullshit ist, um die Wortwahl der Autorin aufzugreifen: die Ausgangsthese. Kann mir jemand erklären, was mit „genauso viel“ gemeint ist?

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