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Schreiben, wie man denkt?

Eine, wie man so sagt, gefährliche Haltung

So schreibt der Redakteur in seiner Zeitschrift*:

„Die Geiz-ist-geil-Gesellschaft der Autofahrer dürfte sich seit einer Woche ärgern, wenn sie das erfährt …“

Ein paar Einwände gegen diese Art von Journalismus.

Wortgeklingel ohne Klang

  • Ich kenne keine „Geiz-ist-geil-Gesellschaft der Autofahrer“, von der der Autor schreibt, vermute aber, es gibt sie gar nicht, die Gesellschaft. Mit anderen Worten: Der Artikel beginnt mit einem Popanz.
  • „Dürfte sich seit einer Woche ärgern“ – ein weiterer Rückzug in die Unwirklichkeit dank des Konjunktivs „dürfte“. Ärgert sie sich nun seit einer Woche, die „Geiz-ist-geil-Gesellschaft der Autofahrer“, oder tut sie’s nicht? (Achtung Spoiler: Der Journalist verrät es nicht.)
  • „… wenn sie das erfährt“. Wie belieben? Also erst wenn sie es in der Zukunft erfährt, die Gesellschaft, dürfte sie sich seit einer Woche ärgern. Wem jetzt nicht schwindlig wird, der ist wahrscheinlich Boulevardjournalist oder arbeitet bei der Am Sonntag. Die fürchten sich vor gar nichts.

Und weiter geht’s mit der fröhlichen Mischung

Inhalt des Artikels: An der deutsch-österreichischen Grenze wird der Diesel auf deutschem Boden in Passau billiger angeboten als hundertfünfzig Meter weiter in Österreich. Der Autor des Artikels weiß Intimes:

Dass es die wenigsten Spritkäufer bisher mitbekommen haben, ist nicht weiter schlimm. Es gäbe beim bayerischen Billigdiesel sonst wohl kilometerlange Warteschlangen. 

Die beiden Sätze sind Behauptungen. Sie sind Meinung und somit unnütz als Nachricht. Und wenn er sich schon mit seiner Meinung einmischt, der Journalist, warum orakelt er dann von kilometerlangen Warteschlangen? Den Tankstellenbetreiber dürfte ein Umsatzplus freuen. Und die Autofahrer? Die müssen halt ein bisschen warten.

Und so hat jede Nachricht ihre guten und ihre anderen Aspekte.

Nachtrag

„Bürgerblick“ ist eine Monatszeitschrift aus Passau, ein Produkt, an dem man leiden kann. Der Bürgerblick legt, was löblich ist oder gar notwendig, Finger in jene Passauer Wunden, die andere Publikationen ignorieren; manchmal aber geht mir der Ton des Herausgebers auf den Keks, klingt er in meinen Ohren an der Grenze zur Larmoyanz und ist dann wieder aufgepeppt mit dem Sound eines Michael Kohlhaas. Wie gesagt: Ich leide, bin zwiegespalten in meiner Sympathie.

* Quelle: http://www.buergerblick.de/nachrichten/diesel-in-deutschland-guenstiger-als-in-oesterreich-a-0000063201.html

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