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Widersprüchliche Verneinung

Der Spiegel schreibt:

Alle vier noch lebenden Vorgänger des zurückgetretenen Bundespräsidenten Christian Wulff wollen am kommenden Donnerstagabend offenbar nicht beim Großen Zapfenstreich erscheinen.

Das sieht zunächst einmal nach einer unauffälligen Aussage aus, ähnlich wie hier:

Überall sahen die Experten keinen Handlungsbedarf.

Wenn Wörter ihrer Bedeutung beraubt werden
Sprache hat Signalwirkung. Jedes Wort, das ich lese, lenkt mein Bewusstsein auf ein Ziel: auf die Aussage des Satzes hin zu dem, was der Autor, die Autorin mitteilen möchten. Für positive Begriffe gibt es genauso Wörter wie für negative, einschränkende. Als Autor muss ich mir immer die Frage stellen: „Was will ich dem Leser sagen?“ Und sie unausweichlich korrekt beantworten. Nur ich, der Autor, bin verantwortlich fürs korrekte, leichte Verstehen – niemals der Leser!

Wenn es etwas Positives ist (positiv nicht unbedingt im Sinne von „gut“), muss ich „positiv“ schreiben. In den obigen Beispielen irren die Autoren.

1.) Alle umfasst und signalisiert eine wohlwollende Bedeutung: Alle Kinder wurden satt.

2.) Überall sagt mir: an jedem Ort, ohne Ausnahme.

In beiden Beispielen aber folgt kurz darauf die Kehrtwende: Alle … wollen nicht und Überall sahen sie keinen … Das irritiert zutiefst. Verneinungen sind per se schwerer verständlich – wenn ihnen ein gegenläufiges Wort vorausgeht, hat der Autor versagt. Zumal es wunderbare Wörter gibt, mit denen die behäbige Konstruktion leichter hätte umgangen werden können:

Keiner der vier noch lebenden Vorgänger …

und

Nirgendwo sahen die Experten Handlungsbedarf.

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