Alles egal? Ein Beispiel zur Adjektivdeklination in Gruppen

Inhaltsverzeichnis

Das Problem

In den einschlägigen Facebook-Gruppen taucht sie immer wieder auf, so sicher, wie Ebbe auf Flut folgt; die Frage nämlich: »Wie werden aufeinander folgende Adjektive dekliniert?« 

Zwei Fachbegriffe prasseln hier auf den Laien herab, Adjektive und dekliniert. Ich werde sie beide erklären, zunächst aber ein Beispiel für den in der Facebook-Frage angesprochenen Fall.

 

Das Beispiel

»Der Schreibtisch selbst war ein Museumsstück aus dunklem alten Eichenholz mit angeschlossenem, ebenso betagtem Schreibmaschinentisch, auf dem ein kleiner Computer stand.«

Das Beispiel stammt aus dem Roman »Mein ist die Rache. Ein Inspector-Lynley-Roman« der amerikanischen Schriftstellerin Elizabeth George.

Was ist ein Adjektiv?

Das Adjektiv ist ein Wort, das beschreibt, wie eine Sache oder ein Lebewesen ist oder aussieht: welche Eigenschaft die Sache oder das Lebewesen besitzt.

Ein Adjektiv braucht etwas, worauf es sich bezieht – die Eigenschaft allein zu nennen, wirkt (Achtung: Eigenschaftswort, Adjektiv) sinnlos. 

Schön, grau, lieb, phantastisch, alt, düster … alles Eigenschaften, die sofort an ein Etwas denken lassen, an eine Sache oder an ein Lebewesen – auch wenn der Bezug nicht unmittelbar genannt wird.

Schön ist die Wiese, grau der Star, lieb meine Oma, phantastisch die Banksia, alt der Wein in meinem Keller, düster der Blick auf mein Konto.*

Was ist eine Deklination?

Ein Adjektiv ohne Bezug, habe ich geschrieben, ist in gewisser Weise sinnlos; erst durch den Bezug entfaltet es seine Wirkung.

Den Bezug erkenne ich an der Sache bzw. an der Person oder dem Lebewesen, dem das Adjektiv zugeordnet ist: schöne Wiese, grauer Star, liebe Oma. Zwischen Adjektiv und Bezug existiert im Satz eine enge räumliche Nähe, und dann ist es einfach.

Wenn Adjektiv und Bezugswort weit getrennt voneinander im Satz stehen, kann es unübersichtlich werden, aber es ändert sich nichts an der Beziehung. Beispiel: 

»Die schöne, wie meine Gärtnerin zu betonen pflegte, wenn wir bei einer Tasse Tee auf der Veranda ins Plaudern gerieten, Wiese ist das Prachtstück des Anwesens.« 

Ich gebe zu, das ist arg konstruiert und klingt bescheuert – vor allem die Wiese steht alles andere als »prächtig« im Satz herum. 

Wie also erkenne ich die Verbindung, die Beziehung von Adjektiv schön und Bezugswort Wiese zueinander?

Das ist eine Deklination!

Die Vorschrift der Grammatik sagt: Adjektiv und Bezugswort müssen denselben Fall besitzen (Kasus) und dieselbe Zahl (Numerus) und dasselbe grammatische Geschlecht (Genus). Sie müssen identisch sein in Kasus, Genus und Numerus.

Das Bezugswort im Beispiel ist die Wiese. Wiese ist weiblich (Genus), Wiese ist Einzahl (Numerus), und Wiese ist Nominativ (Kasus – also jenes Wort, dessen Erscheinungsform sich durch Fragen herausfinden lässt: wer oder was?)

Das Adjektiv heißt schön. Es muss in identischer Form gebildet werden wie sein Bezugswort die Wiese. Es muss weiblich sein, in der Einzahl auftreten und im selben Fall wie Wiese. 

Die schöne Wiese. Eine schöne Wiese. Keine schöne Wiese. Meine, deine, unsere schöne Wiese.

Deklination ist also die Form, in der das Adjektiv erscheint bzw. gebildet wird: welchen Kasus es besitzt, welchen Numerus, welches Genus.

Zurück zum Problem

Im Beispiel mit dem dunklen alten Schrank wird die Vorschrift der Grammatik unterlaufen, dass Nomen (Bezugswort) und Adjektiv übereinstimmen müssen; dort heißt es:

»… aus dunklem alten Eichenholz …« Hier wechselt der Kasus: dunklem und alten.

Erstaunlich, dass unmittelbar darauf die Vorschrift beherzigt wird: »… mit angeschlossenem, ebenso betagtem Schreibmaschinentisch …«

Vielleicht hat die Korrektorin ihre Mittagspause zwischen die beiden Satzhälften eingelegt und vergessen, wie sie’s machen wollte, nachdem sie zurückgekehrt war. Vielleicht kannte sie sich nicht aus und dachte, sie versucht es mal mit der Fifty-fifty-Methode – eine wird schon richtig sein.

Vielleicht aber ist es auch egal oder genauer: Vielleicht sind beide Varianten grammatisch korrekt. Genau darum dreht sich die Frage bei Facebook, genau das ist die Unsicherheit bei den Fragestellern, und genau das wollen wir hier zu klären versuchen. 

Teil II, die Aufklärung, folgt in Kürze.

 

Wer aufmerksam liest, erkennt ein weiteres Fragezeichen: Muss zwischen »dunklem altem« nicht ein Komma stehen? Gute Frage, aber nichts für heute. Wer schon einmal einen Blick auf die »Kommasetzung bei mehreren Adjektiven« werfen will, folgt bitte dem Link.

* Wunder dieser Welt

*Die Banksia ist eine ganz außergewöhnliche Pflanze – auch wenn sich etwas in mir sträubt, das Attribut »außergewöhnlich« zu benutzen, denn schlichtweg alles auf dieser Welt ist ganz erstaunlich. Die Banksia indes ist ein kleines bisschen erstaunlicher.

Im Bild siehst du die Samenkapseln der Pflanze. Normalerweise sind die trichterförmigen Öffnungen verschlossen, erst bei großer Hitze wie etwa einem Buschbrand öffnen sie sich und schleudern die Samen auf die verbrannte Erde, wo sie dann aufgehen und gedeihen. 

Ich sag’s doch: ganz erstaunlich.

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