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Scrivener: des Autors Goldgrube

A Mac writer using Scrivener
Am Anfang war die Textverarbeitung. Sie löste die Schreibmaschine ab, jenes Wunderwerk aus Mechanik, mit dem sich Feinstoffliches (Gedanken) materialisieren ließ. (Vielleicht deshalb besitzen und besaßen Schriftsteller ein nachgerade sinnliches Verhältnis zu ihrer macchina da scrivere.) Die Textverarbeitung machte Furore.

Sie war lautlos und mächtig, nur ihr Herrchen, der Computer, summte mehr oder weniger geräuschvoll vor sich hin. Und weil Microsoft eben Microsoft ist, ein Unternehmen, das als eines der ersten aus der IT-Branche auch als Bedrohung empfunden wurde, weil sie so „mächtig“ waren dort in Redmond, Washington (USA), weil also Microsoft nach mehr strebte, machten die Programmierer und Planer und Marketingstrategen das, was alle guten Platzhirsche tun: Sie statteten ihre Textverarbeitung mit immer mehr Fähigkeiten aus. Word wurde der Götze, den jeder anbetete, anbeten musste – auch wenn nur etwa geschätzte 10 Prozent der Anwender wussten, was sich mit dem Programm alles anstellen lässt (und sich die Zahl der wirklichen Kenner vermutlich noch immer nicht erhöht hat).

Artenschutz auf IT: Nischen-Evolution

Alle anderen taten es Word nach. Und altes Wissen schien zu versinken im Vergessen. Das musste irgendwann schiefgehen. Nun, es ging nicht wirklich schief, Word blieb Tabellenführer, aber zaghaft entstanden Textverarbeitungen, die nach dem Kern bohrten. Es sprach sich herum, dass auch damals, in undenkbaren Zeiten, bloß durch Tasten, durch Schreibmaschinen Märchen entstanden waren, Mythen, Verzauberungen. Dass von Liebe geschrieben worden war und von Leid. Von Tod und Frohsinn, über Lust und Trauer. Und die Textverarbeitungen wurden wieder schlanker, sie wurden preiswerter. Sie taten nicht mehr so, als ob sie Alleskönner seien, Setzer und Satzmaschine in einem oder Graphiker und Lithograph. Sie wurden bescheidener und zugleich einfacher – nur Word blieb, was Word war. Ein behäbiger, satter Potentat im Reiche Schreibmalwieder.

Licht in der Finsternis

Am vierten Tag schuf Jeff Bezos, der Herr, Amazon. Er verkaufte Bücher, und er scharte kluge Köpfe um sich. Warum, statt Bücher nur auszuliefern, sie nicht auch vertreiben, fragten die klugen Köpfe in die Runde. Und sie nickten bedächtig, und ein Revolverheldlächeln stahl sich in ihre Mundwinkel, und sie riefen: „Schickt her eure Büchlein, reicht ein euren Text!“ Und alle, alle kamen. Alle da draußen, der einsame Postbote, die vernachlässigte Hausfrau, der traumerfüllte Teenager und die Weißhaarigen auf der Bank vor ihrem klein’ Häuslein, sie räumten Schubladen leer und plünderten Tagebücher. Sie digitalisierten jeden Kochzettel und Omas Haushaltsbuch. Sie vergriffen sich an Großvaters Wehrmachtserinnerung und taten so, als ob sie mit dem Griffel im Mund zur Welt gekommen wären.

Fliege für einen Tag

Und Amazon sagte: „Tretet ein, die ihr beladen seid.“ Nun brachte jeder, der wollte, durfte, konnte, sein Buch (sein? Buch?) halbwegs in Form und auf die Plattform kdp.

A Mac writer using Scrivener

Anbrach eine wunderbare Zeit. Und die Ansprüche wuchsen. Nachdem sämtliche Rezepte sämtlicher Omas dieser Welt herausgeholt worden waren, nachdem sämtliche Teenagerträume ausreichend erschüttert hatten und jede Patrone des Großen Krieges nochmals verschossen worden war, herrschte zunächst Stille. Es stellte sich heraus, dass Schreiben mehr ist. Dass, um Gold zu schürfen, Frau und Kinder verraten werden müssen, denn man würde für lange Zeit (für eine sehr lange Zeit!) abtauchen in die Minen der Wortschätze, wollte man ernsthaft ein Buch ans Tageslicht heben. Und jeder, der tief genug bohrte, spürte recht bald, dass es mehr brauchen würde als nur eine Textverarbeitung zum Werkzeug. Schließlich, so die vernünftige Einstellung, leben wir im 21. Jahrhundert. Man bohrte Mine an Mine. Man diskutierte, ob man mit oder ohne Korrektorat auf Gold würde stoßen, mit oder ohne Lektorat die Goldader würde entdecken oder nur Katzengold. (Jene, die nach Diamanten schürften, beteiligten sich nicht an der Diskussion. Oder nur sehr zurückhaltend – für sie stellte sich die Frage nicht.) Und die Frage nach dem richtigen Werkzeug wurde lauter. Es kam das Jahr 2006.

Scrivener und seine Schmiede Literature&Latte

Zurück zur Sachlichkeit. Ich kenne kein Programm, das dermaßen behilflich ist bei größeren Schreibprojekten als Scrivener. Und damit ist alles darüber gesagt, was es Gutes über Scrivener zu berichten gibt. Wenn Papyrus mit solchem (in meinen Augen:) Schnickschnack aufwartet wie einer „Stilanalyse“, dann streut das dem Schreibenden nur Sand in die Augen: Eine Maschine, die mein Schreiben standardisiert, macht mein Schreiben bröselig. (««« Vergesst diesen Satz!) Scrivener und ich hatten keinen leichten Start; das lag an mir. Unsere Beziehung wird aber von Tag zu Tag leichter. Sie wird schöner, sie wird hoffnungsfroher. Wer schreibt, braucht eine Textverarbeitung; zur Not tun es auch Stift und Papier. Wer das Schreiben liebt, braucht Scrivener.

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Noch ein Loblied auf Scrivener

Hilfreiche Website für den Scrivener-Einsatz

Scrivener: Fantastisches Tool für Lektoren

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